Zur Ausstellung MITTEN

Fünf Bilderzyklen Frankfurter Stadtkirchen von Gerd Kehrer. 10. Oktober bis 23. November 1995

Von Dieter Bartetzko
Während des Mittelalters waren Kirchen nicht nur Wahrzeichen der Städte, sie waren ihr Inbegriff. Die Stadtmauer, gegebenenfalls die Burg, und eben die Kirche, respektive ihr Turm, vertraten als Chiffren den Begriff Stadt schlechthin, sie waren das Zeichen der Bewohner, ihres Lebens, ihrer Verfaßtheit. So war den auch der Frankfurter Domturm ein Signum der Stadt. In ihm vergegenständlichte sich für die mittelalterlichen Frankfurter aber nicht nur die Macht des Glaubens und des Klerus, sondern auch und gleichberechtigt die der städtischen Körperschaften. Der Turm von St. Bartholomäus, dessen Bau hälftig vom Rat der freien Reichsstadt finanziert worden war, war eben auch Ratsturm, ein Abkömmling der niederländischen und niederrheinischen mächtigen Rathaustürme.

Wo Kirchenbauten und deren Türme derart zentrale Bedeutung in der Stadtlandschaft und im Bewußtsein der Menschen zukam, waren sakrale Neubauten die vielbeachtete und beargwöhnte Angelegenheit des Kollektivs. Wer Kirchtürme baute, eroberte und demonstrierte mit ihnen einen Spitzenplatz in der architektonischen, politischen und sozialen Hierarchie.

Was Wunder, daß das Sankt Bartholomäus-Stift eifrig über sein Bau- und Pfarrmonopol wachte. Rund zweihundert Jahre stritten die Bürger mit dem Stift um die Erlaubnis, in Sachsenhausen und in der Neustadt die dringend benötigten zusätzlichen Pfarrkirchen zu bauen. Es war ein grandioser Sieg des Gemeinwesens, als endlich die St. Peterskirche am nördlichen Stadtrand und die Dreikönigskirche inmitten des Häusergewimmels von Sachsenhausen bewilligt wurden. Aber man hatte sich offenkundig dem Primat des Doms und des Domturms beugen müssen: Die beiden neuen Kirchen waren nämlich im Äußeren auffallend unscheinbar gehalten – und sie waren turmlos. Erst im Inneren entfalteten die Bürger mit opulenten Gewölbekonstruktionen, kostbaren Altären und Plastiken die ihnen und ihrem Reichtum gemäße Pracht.

Knappe zweihundert Jahre später war dieser mühselige Kampf um den Kirchenbau offenkundig vergessen. Als nämlich Frankfurts Bürger in ihrer sprichwörtlichen Toleranz nacheinander Glaubensflüchtlinge aus England, Frankreich, den Niederlanden und Italien aufnahmen, reagierte der Rat so kleinlich, wie einst das Bartholomäus-Stift. Betsäle durften einige der imigrierten Glaubensgemeinschaften errichten, aber keine Kirchen und schon gar nicht Türme, die in der Stadtsilhouette ein gewichtiges Wort mitgesprochen hätten.

Die deutsch- und die französisch-reformierte Kirche, die eine am noblen Kornmarkt, die andere am volkreichen Roßmarkt gelegen, mußten im Außenbau den umstehenden Bürgerhäusern angeglichen werden und erhielten noch nicht einmal das Recht, Dachreiter mit Glocken aufzubauen. Die Imigranten reagierten wie einst das eingesessene Patriziat: Sie hielten sich mit der überaus prächtigen Innenausstattung ihrer Gotteshäuser schadlos für den Unauffälligkeitszwang, den ihnen der Rat beim Außenbau auferlegt hatte.

Mit sich selbst waren die Frankfurter Protestanten selbstverständlich weniger streng und prachtfeindlich umgegangen. Als die ehemalige Katharinenkapelle im siebzehnten Jahrhundert zur Hauptkirche der Frankfurter Protestanten umgebaut wurde, scheute man keine Kosten und Mühen, mit ihr den katholischen Dom, wenn auch nicht zu übertreffen, so doch der Öffentlichkeit als gleichwertig gegenüberzustellen: Das Innere überwältigte mit erlesenem Barock, der Außenbau suggerierte mit gothisierendem Maßwerk und Strebepfeilern ein weit höheres Alter und damit eine dem Dom scheinbar ebenbürtige, jahrhundertealte Tradition der protestantischen Kirche. Und der Katharinenturm gar wetteiferte mit dem Domturm.

Bei gleicher Grundform – einem Vierkant, den ein Oktogon bekrönt – blieb der neue Turm zwar in der Höhe unter dem gotischen Bartholomäusturm, aber er übertraf ihn in der Neuartigkeit seiner Dekoration.

Die Vorgänge wiederholten sich, als 1798 bis1833 die Paulskirche gebaut wurde. Auch ihr klassizistischer Turm sollte den Domturm mit den Grundformen von Vierkant und Oktogon zitieren, aber durch seine neuartigen klassizistischen Dekorationen in den Schatten der Altertümlichkeit stellen. Doch es wurde nichts aus dem hochfliegenden Plan: Die knappen Finanzen machten einen Strich durch die Rechnung und der Paulskirchenturm erhielt seinen niedrigen zylindrischen Abschluß, der trotz des mächtigen Kreuzes gegenüber den übrigen monumentalen Proportionen der Paulskirche sonderbar schmächtig wirkt.

Dieser Notbehelf ist einerseits charakteristisch für das seit eh und je pfennigfuchserische Frankfurt. Aber in ihm manifestiert sich auch die schwindende Bedeutung der Kirchenbauten für das Stadtbild des 19. und 20. Jahrhunderts. Kirchenbauten waren nun nicht mehr der Dreh- und Angelpunkt der Stadtarchitektur, sondern eine Sehenswürdigkeit unter vielen.

Gewiß, die Funktion als wichtiger optischer Bezugspunkt und städtebaulicher Akzent war hochrangig, aber gegenüber der ursprünglich zentralen Sogwirkung der Kirche war ihre Stellung im, wie es um die Jahrhundertwende hieß, „malerischen Städtebau“ eine immense Einbuße.

Gleichviel, der Lust am malerischen Städtebau verdankt Frankfurt zwei bis heute imposante und stadtbildprägende innerstädtische Kirchenbauten. Es sind bezeichnenderweise die beiden historischen Neubauten, mit denen man die unscheinbaren Kirchen St. Peter und Dreikönig ersetzte. Beiden schaffte man mit Abrissen umgebender Bebauung weite, die Erscheinung steigernde Freiflächen. Beide erhielten schwindelerregend hohe Kirchtürme und aufwendig geschmückte Fassaden. Vor dem generellen Bedeutungswandel der Kirchenbauten betrachtet, wohnt diesem Aufwand allerdings etwas angestrengt Theatralisches inne, so, als simulierten die Kirchen mit ihrer architektonischen Dominanz auch eine geistige, die ihnen die Stadtwirklichkeit längst aberkannt hatte.

Die Trennung von bauästhetischer und klerikaler Bedeutung, der Verlust einstigen zentralen Bedeutung des Kirchenbaus im Stadtbild verabsolutierte sich im 20. Jahrhundert. So verdanken die klassisch-modernen Kirchen des Neuen Frankfurt von Ernst May ihre Berühmtheit und prägende Ausstrahlung nicht ihrer Magnetwirkung für das Kollektiv, sondern in erster Linie den städtebaulichen und bauästhetischen Überlegungen ihrer Schöpfer.

Welche im buchstäblichen Sinne verheerenden Folgen diese Reduktion auf bauästhetische Gesichtspunkte und die Beschränkung auf Wahrzeichen-Funktion hatte, zeigt der Wiederaufbau Frankfurts nach 1945. Nur die allgemein als Sehenswürdigkeiten und städtebauliche Dominanten anerkannten Kirchen der Innenstadt wurden wieder aufgebaut. Die unscheinbareren mußten neuen Verkehrsachsen weichen oder sich die Verstümmelung zu Musterexemplaren modernen Wiederaufbaus gefallen lassen. Auf diese Weise verschwanden die französich- und die deutschreformierte Kirche, wurde die Dominikanerkirche zu einer Art funktionalistischer Heimatschutz- oder Wegscheide-Scheune verunstaltet, und wurde die fast unversehrte spätgotische Weißfrauenkirche gesprengt, um Platz für die verbreiterte Friedensstraße sowie den rückwärtigen Hotelneubau des Frankfurter Hof zu schaffen.

Die Katharinenkirche dagegen, obwohl ungleich schwerer beschädigt als die eben genannte Weißfrauenkirche, wurde wiederaufgebaut. Sie war eben unverzichtbarer Bestandteil des ungemein wirkungsvollen städtebaulichen Ensembles Hauptwache.

Aber die Einschränkung auf Wahrzeichen- und ästhetische Funktionen entwickelte ihre eigene Dynamik. In den siebziger Jahren wuchs aus ihr eine kollektive Kraft, die man eigentlich nur den Glaubensbewegungen und Gemeinden früherer Zeiten zugetraut hätte. Als nämlich damals der Neubau des Technischen Rathauses anstand, wurden selbst Ungläubige zu hartnäckigen Verteidigern des Doms. Die Bürgerinitiative schaffte es, daß der Magistrat zugunsten der ungestörten Fernwirkung des Domturms auf die plumpen Obergeschosse des Technischen Rathauses verzichtete.

Im heutigen Frankfurt kommt Stadtkirchen eine neue und immense Bedeutung zu. Sie betrifft allerdings unser inneres Stadtbild, die Topographie gewissermaßen unserer Befindlichkeiten. In ihr bilden die Liebfrauen- und die Katharinenkirche unersetzliche zentrale Stätten. Stätten der Besinnung und des Atemholens, Asyle für buchstäblich, aber auch seelisch Heimatlose sind diese Innenstadtkirchen geworden. Damit schließt sich eigentlich der Ring zu den Verhältnissen des Mittelalters. Was Kirchen damals waren, sind sie wenigstens Im Bewußtsein, einigen heute wieder: Dreh- und Angelpunkte ihres Lebens.

Dr. Dieter Bartetzko
Architekturkritiker, FAZ. 10. Oktober 1995

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