Zwischen Vedute und Vision

Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Eine Architektur tanzt. Wo ist Halt? Gefahrvoll schwankt der kriegsversehrte Turm. Die Säulenlaterne der Frankfurter Paulskirche scheint durchs aufgewühlte Farbenmeer zu taumeln. Ihr ovaler Rumpf vibriert im Strudel der Malstrukturen. Unruhe hat die steinernen Züge erfasst. Die Mainsandstein-Röte entweicht aus ihnen, ihre Miene wird fahl. Alle Gewissheiten schwinden. Das Bauwerk zeichnen stürmische Entwicklungen. Koordinaten stehen Kopf, angenommene Repräsentationsmuster und räumliche Bezüge verschwimmen. Farbströme rinnen und stocken, schäumen nach allen Seiten.

Mal dominiert in Gerd Kehrers Ölpastellen der malerische, mal der zeichnerische Charakter. Die Atmosphäre ist farbtrunken, die Stimmung explosiv, der Himmel lodert. Die Kirche kippt. Hier scheint die klassizistische Ikone wie ein Kinderkreisel zu rotieren, dort gerät sie in eine bedrohliche Schräglage. Kehrer vermißt unsicheres Terrain, verunklärt Front- und Seitenansichten, stiftet kaleidoskopartig Verwirrung. Sein Bildmotiv ist Platzhalter, die Rundumperspektive das Ziel.

Der Künstler verhandelt die politische, soziale, kulturelle Prägung eines Ortes, der Geschichte geschrieben hat. Flammend expressiv die Malweise, auch weil sie in Korrespondenz zum historischen Geschehen zu sehen ist. Die Malspur transportiert verdichtete Geschichte. Die Pastelle sind fundamental durch die Auseinandersetzung mit der Rolle der Architektur definiert. Sie ist – isoliert von ihrem realen Umfeld – die einsame Solistin im Stück.

Auf den Betrachter überträgt sich die Erregung des Malers. Verzerrungen und Verformungen sind sein bevorzugtes Mittel seelischer Zustandsbeschreibung. Sie treffen den Nerv des einzelnen Ereignisses sowie der Epoche. Und erlauben Rückschlüsse auf die subjektive Seherfahrung und den Menschen hinter der Bildgestalt. Wer dem Verismus und detailversessener Wiedergabe zugunsten einer betont emotionalen Annäherung an die Wahrheit und die Botschaft des Objekts eine Absage erteilt, wie Kehrer es tut, der wird zum bekennenden Vermittler, der sich selbst partiell bloß stellt. Im Sujet „Kirche“ offenbart Gerd Kehrer auch sein eigenes Verhältnis zur Welt und ihren „weltlichen, religiösen und sozialen“ Aspekten.

In der Vision des „schiefen Turms“, der die Bildkomposition so entschieden dynamisiert und zuspitzt, paraphrasiert er die Gefällstrecken einer erschöpften Gesellschaft. Mehrfach hat Kehrer Gotteshäuser seiner Geburtsstadt Frankfurt als Ausgangspunkt zivilisationskritischer Betrachtungen gewählt. Das Architekturbild dient ihm generell zu analytischen Überlegungen über die menschliche Natur und die zunehmende künstliche Überformung, der sich die Mediengesellschaft verschreibt. Sie lebt von Wirklichkeitsmontagen. Und weil es im virtuellen Raum keine Authentizität geben kann, werden Gefühle geborgt statt empfunden. Urteilsvermögen und Kritikfähigkeit leiden.

Kehrer benutzt die Metapher des deformierten und haltlosen Bauwerks, um solchen Reflexionen Ausdruck zu verleihen. Ihn beschäftigt die Rauheit des kulturellen Klimas, die wachsende Hilflosigkeit der Politik, die Ignoranz der Administrationen, das allgemeine sozioästhetische Ungleichgewicht. Dabei ist sein Alltagsgefühl bestimmt vom übereilten Gang der Großstadt. Darin sind Kirchen Inseln. Ein Territorium eigener Ordnung. Nicht nur der architektonischen. Insbesondere die Paulskirche gebe „viel zu denken“, prophezeite bereits Goethe, der den Neubau vor zweihundert Jahren in seinen Reisenotizen erwähnte, die Einweihung jedoch nicht mehr erleben sollte. Freilich dachte der Dichter in erster Linie über die Platzgestaltung nach. Das geschichtliche Ereignis, das sich einmal mit dem Monument verbinden sollte, vermochte er nicht abzusehen.

Gerd Kehrer porträtierte in den vergangenen drei Jahren fünf Frankfurter Stadtkirchen im Grenzbereich zwischen Gegenständlichkeit und Abstraktion. Das Sichtbare umschließt Sinnliches und Sittliches. Gedankenvoll fühlt der Künstler den Puls der Gebetsstätten.

Sie sind die einzigen Ruheräume, die den Metropolen verblieben sind. Kehrer eruiert ihre Tauglichkeit als Chiffre einer aus dem Lot verbindlicher Werte geratenen Zeit. Die Anatomie der Architektur, die er in den Mittelpunkt seines zwölfteiligen Zyklus „Paulskirche“ stellt, hat er absichtsvoll beschädigt. Die architektonischen Elemente befinden sich in Aufruhr. Die Fassade ist aus der Fasson.

Die Idee zum Bilderzyklus „Paulskirche“ kam dem Maler im Jahre 1994 anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an den spanischen Schriftsteller Jorge Semprun. Das erste Bild der Reihe ist eine Hommage an den Geehrten. Das Kirchengebäude erscheint weitgehend entmaterialisiert und schemenhaft. Es folgen Werke mit Titeln wie „Festakt“, „Empfang“, „Gedenken“. Unter dem Stichwort „Erleuchtung“ wachsen der Paulskirche, der „Wiege der Demokratie“, schließlich Flügel.

Im Jahr 1848 wurde hier formuliert, welche Rechte das deutsche Volk für sich in Anspruch nehmen darf. Unsere Grundrechte, hundert Jahre später im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland verankert, gleichen den Frankfurter Formulierungen zum Teil im Wortlaut.

Die Paulskirche ist Freiheitskirche: Kehrers expressiver Malstil deutet darauf hin.

Sein Bilderzyklus ist ein künstlerisches Bekenntnis zur politischen Entscheidungsfindung durch das Volk. Das Gotteshaus wurde als Sitz des ersten demokratisch gewählten gesamtdeutschen Parlaments zum Gegenstand für ein Historienbild. Hier tagte 1848 und 1849 die Nationalversammlung. Am 18. März 1848 hatten Frankfurter Bürger beim Gemeindevorstand um die Bereitstellung der Räumlichkeiten ersucht. Rund hundert Jahre später, am 18. März 1944, wurde die Kirche Opfer eines Bombenangriffs. Als erstes historisches Gebäude hat man sie nach dem Krieg wieder aufgebaut.

Ihre Symbolik ist so durchschlagend, dass das historische Geschehen im Bild ist, auch wenn es nicht dargestellt wird. Der Schauplatz ist bei Kehrer menschenleer. Doch die damit verknüpften Hoffnungen auf Humanität und Liberalität tränken seine facettierten Kirchenkonterfeis, mit denen er an die Klassische Moderne anknüpft.

Die Psychologie der Farben spielt eine zentrale Rolle. In den Bildern, die Kehrer „Multikulturell“ und „Manifest“ nennt, nimmt er die glühende Farbigkeit zurück. „Metropolitan“ ist eine Arbeit, die man von allen vier Seiten betrachten kann. Ein „Drehbild“, das die Kirchensymbolik auf die Spitze und das Auge des Betrachters in die Enge treibt. Zwischen vier Kreuzen bleibt wenig Freiraum.

Die Bilder „Unabhängigkeit“, „Laudatio“, „Integration“ und „Europa“ führen den Zyklus fort. Insgesamt hat Gerd Kehrer aus dem Motiv Paulskirche zwölf Ansichten entwickelt. Dabei ist die Serialität kein Selbstzweck. Serielle Formalisierung bleibt aus, die „Monatsbilder“ erlauben Meditation. Ihr expressiver Ausdruck berührt den Betrachter nachhaltig: In Malformen, die sich expressionistischen Tendenzen zuordnen lassen, erwachsen prinzipiell erst aus psychischer Spannung Bedeutungsperspektiven.

Kehrer bewegt sich mit diesem lyrischen Zyklus in den Bahnen kritischer deutscher Tradition, die Momente feierlicher Schönheit nicht ausschließt, stellte auch der deutsche Expressionismus die übertreibende Darstellung vorzugsweise in den Dienst der Rebellion. Die Stilform, der dieses Etikett gebührt, entwickelt sich in unsicherer Zeit und wird zum Kriegsbegleiter. Ludwig Meidner schuf mit apokalyptischen Visionen, in denen ganze Straßenzüge die Balance verlieren und Fassaden Formverlust erleiden, eine Gegenwirklichkeit, die die Realität phantastisch übersteigert: Zuckende, aufgewühlte Stadtlandschaften entstehen im Vorfeld des Ersten Weltkriegs. Architektur wird zum Ausdrucksträger aus aktuellem Anlass.

Derweil knöpft sich Ernst Ludwig Kirchner vorzugsweise Passanten vor. Er bewaffnet die Kokotten mit High Heels und läßt sie durch Farblachen stiefeln, erlebt seine Zeit im Spiegel der Straße. Schon die Expressionisten – Maler des Umbruchs – beschäftigten Politik und Gesellschaft. Mit Gaston Bachelard zu reden: „Der Raum der Innerlichkeit und der Raum der Welt fließen zusammen.“

Eben dies gilt für Gerd Kehrers Porträt einer Sakralarchitektur, die politisches Wahrzeichen wurde. Die Parlamentarierkirche ist heute nicht nur für Frankfurt eine Stätte der Besinnung auf die Anfänge der Demokratie, für Feierstunden und höchstrangige Festakte. Für Kehrer ist der Ort der ersten Volksvertretung zudem außerordentlicher „Kunst-Stoff“.

Dorothee Baer-Bogenschütz
Journalistin, 1997

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