Von Innen und Außen – Bilder 04/05

Von Eva Mongi-Vollmer

Man braucht gar nicht das gesamte gewaltige Oeuvre des Frankfurter Künstlers Gerd Kehrer zu kennen, um dennoch sofort bei der Begegnung mit den über 20 in der Heussenstamm-Stiftung gezeigten malerischen Arbeiten zu spüren, dass man es hier mit Kunst zu tun hat, die mehr als nur die Gattung Malerei repräsentiert. Kehrer, mit weit über 50 Ausstellungen international bekannt und aus Frankfurt mit seinen Zyklen zu spezifischen Frankfurter Themen und Motiven nicht wegzudenken, hat sich wieder energiegeladen auf den Weg gemacht ein neues Projekt anzugehen, in dem seine langjährige Erfahrung mit vielen Spielarten der Kunst wie der Zeichnung und dreidimensionaler Arbeiten unmittelbar in die Malerei einfließen.

Inhaltlich angeregt ist außer einigen Werken aus dem Zyklus Homo sapiens der Großteil der aktuellen Arbeiten durch Eindrücke aus dem Süden Europas, Italien und die Kanarischen Inseln. Nicht aber mediterrane oder atlantische Motive sind es, die sich dann zurück in der Heimat aus der Erinnerung an die Oberfläche drängen, sondern vielmehr die Erfahrung von Farbklängen, Lichtintensitäten, von der verblüffenden und massiven Einheit der Naturerscheinung.

Der Süden wird bei Kehrer regelrecht zum Untersuchungsgegenstand, nämlich wenn immer wieder und wieder die Frage nach Strukturen in Landschaften und Dörfern, nach tektonischen Merkmalen, nach der inneren Konstruktion gestellt wird. Es ist nicht die vermeintliche Leichtigkeit und Offenheit des von uns sehnsüchtig gehegten Südens, die zur Disposition steht, sondern vielmehr die Frage, was die dortige Welt in ihrem Inneren zusammenhält.

Dabei greift Gerd Kehrer auf das Mittel der Zeichnung zurück, die wie kein anderes künstlerisches Medium die Struktur der Erscheinungen bannt. Das lineare Gerüst auf der Leinwand oder Papierfläche ist die Basis für die darauf erfolgenden Antworten in klar sprechenden und lichten Farben, die wiederum die Fähigkeit besitzen, Plastizität zu erzeugen. Auf hochsensible Weise schichtet sich durch die Dynamik aus Zeichnung und Farbe ein harmonisches Ganzes – ein Raum, der nicht abbildet, sondern der durch den Künstler geformt ist. Es ist kein Ruf “Zurück zur Natur”, sondern ein Weg auf die Natur zu – der niemals resolut wird, sondern gerade durch die Reihe an Arbeiten klar ersichtlich, immer in Bewegung bleibt.

Von Innen und Außen – damit ist die Route für den Betrachter der Werke Kehrers assoziativ angelegt. Dass auf dieser Reise durch die Naturstrukturen mal der Blick von Außen zu schweifen scheint, mal eher nachsichtig eine Innenansicht anzudeuten scheint, ist eine bei der Bildbetrachtung regelrecht fühlbare, den Betrachter verortende Lesart des Titels. Von Innen und Außen gleitet aber auch der Künstler selbst auf die Themen zu. Gleich der Vorgehensweise beim plastischen Arbeiten gibt es die Möglichkeit, ein Objekt von Innen heraus entstehen zu lassen, das heißt mittels des Modellierens von Ton oder Wachs aus einem Kern heranwachsen zu lassen oder aber mittels des von Außen vorgenommenen Entfernens von Elementen beispielsweise aus einem Marmorblock.

Der Weg zum Ziel ist damit ein gänzlich anderer – auf die Malerei übertragen könnte man analog formulieren, dass auch ein Bild von Innen oder von Außen gemalt werden kann. Wie wichtig die Grenzen des Bildes für Gerd Kehrer sind – gleich den Grenzen eines Marmorblockes – ist an den realen Rändern des Keilrahmens zu erkennen. Sie sind als Raumbegrenzung behutsam in die Bildfläche einbezogen – mal durch ihre Betonung durch den weißen Rand, mal durch den Ausklang des Bildes weit von der Rahmengrenze entfernt.

Von Innen hingegen arbeiten sich die konstruktiven Achsen an die Oberfläche, suchen sich ihren Raum und ihre Form. Hier gelingt es eindrücklich und überzeugend, die Frage nach dem von Innen oder von Außen in der Plastik mit einem klaren von Innen und von Außen in der Malerei zu beantworten. Gelingen konnte dies Gerd Kehrer gewiss durch den vielseitigen Fundus an Erfahrungen in mehreren Gattungen der Kunst.

Dr. Eva Mongi-Vollmer
Kunsthistorikerin, Kustodin der Städtischen Galerie im Städel, Frankfurt

Text zur Ausstellung: Gerd Kehrer – Von Innen und Außen – Bilder 04/05, Heussenstamm-Stiftung, November 2005

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