
Von Gerd Kehrer
Erst im 18. Jahrhundert hat die lavarote Lanzarote die Farbtöpfe ihrer bis dahin fruchtbaren Erde ins Licht der Sonne geschüttet und zu glühenden Bergen gehäuft. Ocker, Sepia, Braun, Rot, Grau und Schwarz dominieren in allen Nuancen das Farbenspektrum ihrer kargen Krater, Täler und Küsten. Grün ist marginal; spärliche Erinnerung an das Gestern.
Sechs Jahre dauerte diese Megametamorphose der Natur, bis sie ihre vegetativen Formen und Farben übermalt, verwandelt und in Stein gegossen hatte. Und auch heute noch zeigt der Fuego im Nationalpark Timanfaja den staunenden Besuchern seine glühende Kralle.
Ebenso unvorstellbar aber wie diese katastrophale Eruption der Kanareninsel ist die Schönheit ihrer reduktiven Hinterlassenschaft. Formvollendete Vulkane, zerrissene Krater, samtige Magmafelder, bizarre Lavafelsen, phantastische Steinformationen, Geröll und Asche kontrastieren die Sonne, das Meer und azurblauen Himmel. Die Licht- und Schattenspiele weißer, von stetigem Wind getriebenen Wolken, stehen im Dialog mit einem landschaftlichen Abstraktum, das sie fliehend streicheln, umarmen und verzaubern.
Ihre tanzenden Bewegungen begleiten mit Leichtigkeit die einzigartige Farbensymphonie mannigfaltig strukturierter Lavastarre – und alles fließt. Mit faustischer Zwiespältigkeit hat der Feuerteufel den Mutterboden im erhebenden Tal der Stille zu einer natürlichen Gedenkstätte gebrannt. Hier atmet Ewigkeit. Zeit ist nichtig; Demut und Andacht selbstverständlich. Daß die Gesetze der Natur Gottes eigener Acker bleiben erinnert Lanzarote Tag für Tag.
Technische Daten
6 Collagen /Assemblagen, ohne Titel, 42 x 49 cm. Schwarzer Lavasplit mit Acrylübermalungen, auf schwarzem Ölpapier mit gerissenem Rand. Costa Teguise, Lanzarote 8/2001.
Publikation: Teneriffas Neue Presse, 2005: Gerd Kehrer – Lavakunst von Lanzarote.