Jam Eel Fna

11 GK AKTUELL 2010

Modernes Märchen Marrakesch

Der Platz der Gehenkten, Jam Eel Fna, im Herzen der Millionenmetropole Marrakesch
und Marokkos, ist eine riesige Weltbühne der Menschheit. Treffpunkt für Wüstenvölker, Berber,
Phantasten, Surrealisten, Morgenlandfahrer, Künstler, Musiker, Sänger, Tänzer, Gaukler,
Ausgeflippte, Akrobaten, Wahrsager, Geschichten- und Märchenerzähler. Für Wasser- und
Fruchtsaftverkäufer, Tierhändler, Taubenzüchter, Schlangenbeschwörer, Feuerschlucker,
Heiler, mobile Zahnärzte, Henna-Frauen, Kartenlegerinnen, Bauchtänzerinnen, Huren,
Betrüger und Diebe.

Ein Markt für Marokkaner, für Vermummte, Muslime, Juden, Christen, Buddhisten, Bahai‘s,
Kopten, Atheisten, Touristen und Händler. Für Krüppel, Kranke, rufende Blinde, zittrige
Bettler, für verarmte Kinder, Verwirrte, Verdammte, Verratene und Vergessene, ist der Jam
Eel Fna die zentrale Begegnungsstätte ihres geplagten Daseins. Junge, schwarzhaarige,
meist schwarzgekleidete Marokkanerinnen, märchenhafte, vornehme Schönheiten mit
traumhaften Figuren, kontrastieren dieses aufregende Szenario. Allein, mit Freunden oder
Familien.

Dampfende, duftende Garküchen und Targinen mit kulinarischen Spezialitäten der Region,
Südfrüchte, Gemüse, Kräuter, Gewürze, Arganöl, Blumen und Pflanzen, drängen sich im
reichhaltigen Angebot bunter Verkaufsstände, in Buden und Zelten. Ihnen folgen in einem
hohen, nicht enden wollenden Labyrinth die mit Gütern und Menschen überquellenden
Souks. Orient und Okzident geben sich ein friedliches aber lautstarkes Stelldichein mit
unaufhörlichem Handeln und Feilschen.

„Die Europäer haben die Uhren, und wir haben die Zeit“, sagen die Marokkaner.
Wahrlich im Überfluß, sogar hier, im wilden Trubel.

Seit Urzeiten schon ist der Jam Eel Fna der Goldene Boden marokkanischen Handwerks.
In seinem chaotisch bunten Menschengewimmel, ohne erkennbare Verkehrsordnung, finden
dennoch elegante Pferdekutschen, flitzende Radfahrer und knatternde Mopeds ihren Weg.
Für die zu Fuß Dahintreibenden ist dies oftmals ein Risiko. Hieronymus Bosch, James
Ensor, Salvador Dali, Alfred Kubin und George Grosz, so scheint es zumindest, könnten hier
ihre Ateliers gehabt haben.

Freilich gewährleistet der geschichtsträchtige Stadtkern Jam Eel Fna stets auch eine
unversiegbare Quelle der Inspiration für Kreative und Schriftsteller aus der ganzen Welt. Die
Stimmen von Marrakesch von Elias Canetti, Engel und Paria von Juan Goytisolo oder
Parlando von Bodo Kirchhoff sind nur einige Beispiele hierfür.

Die Akteure dieses Schauspiels visualisieren dem aufmerksamen Beobachter biblische
Geschichten zum Thema Mensch – Reichtum, Armut, Schönheit und Zerfall. Ob Allah oder
Gott, oder wie auch immer man den Regisseur dieser Performance bezeichnen mag, er
offenbart seine Schöpfung mit allen Facetten. Einschließlich der heute noch zu erahnenden
Grausamkeiten geisteskranker Sultane aus dem 12.Jahrhundert, mit Hinrichtungen und
aufgespießten, zur Schau gestellten Menschenköpfen. Auf dem Platz der Gehenkten, so
glauben die Muslime, leben diese Opfer weiter.

Die Vogelperspektive für Voyeure, Fotografen und Filmemacher dieser allabendlichen
Orgie der Kulturen ist bis spät in die Nacht hinein die Terrasse des Café Glacier. Für den
lächerlichen Preis eines köstlichen Pfefferminztees bietet sie einen grandiosen
Panoramablick über das immaterielle UNESCO-Kulturerbe Marrakesch bis hin zur
majestätisch blauen Gebirgskette des Hohen Atlas mit seinen verschneiten Gipfeln.

Unweit des Jam Eel Fna liegt wenig auffällig in einem exotischen Park das Traum- und
Luxushotel La Mamounia, in dem Hollywoodstars und viele Giganten dieser Welt von je her
schon gearbeitet und Quartier bezogen haben. Hier entstanden die Filme Marokko mit
Marlene Dietrich, Der Mann, der zu viel wußte von Alfred Hitchcock sowie Sex and the City 2
mit Sarah Jessica Parker. Auch durch Winston Churchill, der dort bereits im vorigen
Jahrhundert seine Memoiren schrieb, wurde der Mamounia-Palast zur Legende.

Derzeit wächst und etabliert sich in Marrakesch eine internationale Szene Bildender Kunst,
deren Galerien vornehmlich feudale Hotelresorts sind. Für zeitgenössische ansässige
Künstler steht das kulturelle Tor Afrikas ganz weit offen. Aber auch die Karawanen des
Westens halten schon ihren Einzug. Die erste Marrakesch Art Fair für internationale
zeitgenössische Kunst hat in diesem Jahr bereits stattgefunden. Die Integration der Moderne
ist selbst in den altehrwürdigen Gemäuern der Medina in vollem Gange. Mäzene aus aller
Welt installieren in diesem Ambiente ihren Zweitwohnsitz oder ein neues Zuhause.

Die märchenhafte Magie des modernen Marrakesch mit seinen rot-, rosa-, ocker- und
lehmfarbenen Häusern sowie dem sagenhaften Jam Eel Fna, befindet sich im Aufwind einer
neuen Zeit. Eine Kulturmetropole in einer herrlichen Landschaft zwischen Atlas und Sahara,
die, ebenso wie ihre Menschen, einen tiefen Eindruck hinterläßt. Unvergängliche Spuren der
Erinnerung; Sehnsucht.

GK 23.12.2010, Marrakesch. Notizen zum Bilderzyklus Maroc.

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