Herbstliches Halleluja

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm

 

Von Gerd Kehrer

 

Aller Segen kommt von oben. Auch dieser – Zeuge des Schöpfungsaktes und des Sündenfalls. Mit seiner ersten Berührung eines jungen Paares entfachte er die Liebesglut und die Leidenschaft. Unauslöschlich. Den Zorn Gottes verzauberte er in demütige Schamröte, die ein Zeichen seiner paradiesischen Schönheit und Jugend ist. Seine Form und Farbe sind Leihgaben der Sonne. Zartes Hautaroma bemäntelt pastellweißes, saftknackiges Fleisch und schützt ein ebenso köstliches wie fruchtbares Kerngehäuse im Dunkel dieses Fluidums.

Ewig auf Gesundheit und Freude seiner Umwelt bedacht, ist er der Pracht frühlingsduftender Blütenmeere entsprungen und selbst als Traumwandler im Schlafrock gern gesehen und willkommen. Sein Mythos liegt in seiner Natur, in medizinischen und magischen Kräften. Er verkörpert Vollendung und Vollkommenheit. Rundum. Geheimnisvoll, wie seine alte Mutter Erde. Als Kosmopolit einigt er die Welt einstimmig zum Halleluja dieser Qualitäten. Herr, wir danken Dir!

Ein Lockvogel aus dem Garten Eden freilich weckt Begierden. Er ist ein Verführer. Eine sinnliche Gestalt mit haptischen Reizen, besonders im Duett. Erinnert: Süße Sünde – Wein und Weib. Unwiderstehlich.

Reif nach vier Jahreszeiten, im Farborgasmus des Oktobers, ruft ihn die Auferstehung. Der Verführer wird verführt. Vernascht, verschnitten und vergoren. Gepreßt, gekeltert und gelagert. Ein Aderlaß also adelt das Naturell dieses Naturburschen zu flüssigem Gold.

Mit ungestümer neuer Lebenskraft, süß und rauschend in Millionen Hektolitern, feiert der junge Alte seine Wiedergeburt. Im Wein. Dank dem Apfel !

GK 10/1998

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