Gesicht, Gesichte, Gesichter

Gerd Kehrer Ausstellung, Kommunale Galerie Frankfurt

Von Günther Vogt

 

Er gehört zu den Künstlern, die sich von der angewandten Kunst, heute Grafik Design genannt, die äußere Sicherheit garantieren lassen, um in der freien Kunst um so unbefangener ihren mächtigen Impulsen nachgeben zu können. Gerd Kehrer setzt sich dabei neuen Faszinationen aus, aber auch Belastungen, denn sein Thema ist der Mensch in seiner unverwechselbaren, individuellen Erscheinung und dem aus der Masse herausgelösten Phänotypen: Gesicht, Gesichte, Gesichter – ein riesiger Vorrat, so viele es gibt und so lange sie währen.

Er wird nicht etwa bewältigt mit einer wohlfeilen Liebe auf den ersten Blick, mit Heiterkeit, Rührung und Sentimentalität. Es steht auch nicht die ebenso wohlfeile Kritik, Entlarvung und Anklage des Bösen im Vordergrund, was einem die Etikettierung leichtmachen würde. Gerd Kehrer macht sich Start und Ziel nicht leicht. Er geht immer auf das Thema ein, entweder auf das Gesicht in seiner individuellen Ausprägung oder auf das Gesicht, wenn der Anlaß sich wandelt zum Gleichnis, zur Paraphrase, zum überindividuellen Ereignis, zu den inneren Vorstellungen, die zu Gesichten und Träumen werden, und schließlich auf die Gesichter, das Massenereignis.

Artifizielle Tricks, so sehr sie momentan zu faszinieren vermögen, vermeidet Gerd Kehrer. Wenn er einmal den Kopf mit einer einzigen Umrißlinie faßt oder ein andermal die Erscheinung in einer Vielzahl kurzer Striche bannt, so spricht daraus eher die Besessenheit des Zeichners, der die eigenen seelischen Umtriebe und gelassenen Stunden in den Stift einfließen läßt. Die Kritzeleien („Scribbles“) aus dem Augenblick heraus, fast unterbewußt skizziert und hingeworfen, beweisen es als eine Art Miniaturpanorama.

Der Zeichner hat Leidenschaft von der Art seiner expressionistischen Vorväter und ihrem Schrei „O Mensch!“ Nicht zufällig erinnert die linolgeschnittene Selbstdarstellung mit dem Titel “Urschrei per Bleistift“ an eine deutlich sichtbare Seelenverwandtschaft. Dieses eine Beispiel aus einer großen Zahl von Bildern herausgegriffen, soll nun absolut nicht auf Nachfolgertum hinweisen. Es ist eher ein einziger Augenblick der Erinnerung unter vielen anderen Blicken auf die unmittelbare und mittelbare Gegenwart sowie auf die Ahnung von Kommendem. Diese Blicke sind sein Eigentum, daß er verschwenderisch verschenkt.

Wie dieses Pandämonium von Menschen sich über eine Fläche spannt vom zeitlosen Satan bis zu dem datumsmäßig genau fixierbaren Worldcup Willi, von dem liebevoll porträtierten Gesicht eines alten Vorortoriginals bis zu einem mit spitzer Nadel dahingeschlängelten Lustmolch, von dem anonymen Kreuzstich bis zum deutlich erkennbaren Eisernen Kreuz neben einer verführten Masse von Gesichtern, so spannt sich auch die Anteilnahme Kehrers für menschliche Gegenwart. Es ist nicht zu bemerken, daß er im Auftrag zeichnet, vor allem nicht einer bestimmten öffentlichen Macht und Idee. Er zeichnet im eigenen Auftrag, unabhängig auch von jeweils den Zeitgeschmack usurpierenden Kunststilen. Das macht Kehrers Kunst so human und anziehend für alle Zuschauer. Es beschäftigt die Augen mit dem spannungsvollen Wandel der Gestaltung von Bild zu Bild und der stets präsenten Leidenschaft in der Linienführung; es reizt die Sinne, sich auf Gedanken, Deutungen und Reflexionen zu übertragen, kurzum den ganzen Menschen zu packen, so daß dieser nachdenklich und bereichert am Ende in den profanen Alltag zurückkehrt.

 

Dr. Günther Vogt, Kunsthistoriker, Frankfurt am Main, 2/1978

Katalogtext zur ersten Einzelausstellung von Gerd Kehrer: Gesicht, Gesichte, Gesichter