„Die Kunst strebt fort von der Mitte“

Gerd Kehrer Bilderzyklen, St. Katharinenkirche, Frankfurt.

Von Gerald Hintze
Folgende Tendenzen lassen sich feststellen:

  1. Aussonderung „reiner Sphären“
  2. Auseinandertreiben der Gegensätze
  3. Neigung zum Anorganischen
  4. Loslösung vom Boden
  5. Zug zum Unteren
  6. Herabsetzung des Menschen
  7. Aufhebung des Unterschieds von Oben und Unten

Guten Abend

In dieser Aufzählung ohne jedes System versuchte Hans Sedlmayr im Jahr 1948 Symptomgruppen zu finden, die charakteristisch für die Zeit sind. Sedlmayrs Thesen, mit polemischer Verve vorgetragen, wurden damals die Kraft von Heilung und Erneuerung nachgesagt. Das Ergebnis seiner Zeitdiagnose: Verlust der Mitte.

Und siebenundvierzig Jahre später? Wir befinden uns gerade in unmittelbarer Nähe zum Zentrum der Hauptwache, dem Ameisenloch der Stadtbewohner. Die Mitte einer Stadt? Ein Platz. Stockt Ihnen der Atem, wenn sie ihn betreten? Hebt sich Ihre Stimmung, wenn Sie auf ihm herumspazieren? Würden Sie hier Ihre Freunde treffen und Fremde beobachten wollen? Wäre er geeignet für öffentliche Veranstaltungen? Spürt man den Atem der Geschichte? Wird er respektvoll gepflegt oder vernachlässigt? Dient er als Oase der Erholung? Weckt er Vorstellungen von dem, was städtisches Leben alles sein kann? Robert Browing brachte die Idealvorstellung zum Ausdruck, als er schrieb: „Ach, ein Tag auf dem Platz einer Stadt – ein größeres Vergnügen bietet das Leben nicht!“

Auf Anhieb mag man der Meinung sein, daß ein Zentrum immer in der Mitte liegt. Ja, man möchte glauben, Zentrum und Mitte seien ein und dasselbe. Dies ist aber nur in der Geometrie der Fall. Mitten im Zentrum, eben in unmittelbarer Nähe vom Frankfurter Loch, präsentiert die Evangelische Stadtkirchenarbeit zusammen mit einem Maler: MITTEN.

Und es werden gleich fünf genannt. Fünf Frankfurter Plätze? Hauptwache, Börsenplatz, Römerberg, Konstablerwache, Flugplatz?

Nein. Fünf Frankfurter Stadtkirchen. Paulskirche – St. Katharinen – Liebfrauenkirche – Alte Nikolaikirche – St. Leonhard.

Die Zahl Fünf. Die Babylonier hatten ihrer Liebesgöttin die heilige Zahl Fünf zugeordnet. Bei den Griechen hatte der Venustempel einen fünfeckigen Grundriß. Die Römer zündeten zur Hochzeit fünf Fackeln an. In der Kabbala und bei den Alchimisten gab es eine Beziehung zwischen der Fünf und der Liebe. Liebeszahl und Liebeston ist in Indien die Fünf. Um den Teufel zu vertreiben, wir erinnern uns an „Faust I“, ist auf die Türschwelle das fünfteilige Pentagramm geschrieben. Inzwischen hatte das Christentum die erotische Liebe der Venus zur himmlischen Liebe der Agape und der heiligen Jungfrau verklärt. Die heilige Zahl der Jesusmutter wurde die Fünf. In den mittelalterlichen Kathedralen stellte man gern die Himmelsgöttin Maria in das Zentrum von Fünfer-Rosetten: Liebe also sowohl im Inneren wie an der Peripherie.

Ab heute zeigt nun Gerd Kehrer fünf Zyklen Frankfurter Stadtkirchen. Sollen wir diese Stadt mit ihren Kirchen mehr lieben? Oder wieder lieben lernen? Stadtbilder, damit einem die Stadt ans Herz wächst? Darum kaufen wir uns Karten oder Stiche von Stadtansichten auf der Reise. Gerd Kehrer hört es nicht gern, wenn man ihn als Frankfurt-Maler vorstellt. Warum eigentlich nicht?

In den ersten Jahren, Mitte der Siebziger, arbeitete Gerd Kehrer als Zeichner und Graphiker.

Mit 38 Jahren ist er dann mehr zum Maler geworden. Aber, sagt er, es drängt ihn immer wieder zur Linie. Er malt Porträts. Von Rainer Werner Fassbinder, James Dean, der Monroe, von Hitchcock, Goethe Hindemith und von Hilmar Hoffmann. Immer in Zyklen. Und Porträts von Frankfurt: Alte Oper, Türme und Warten, Struwwelpeter.

Gerd Kehrer malt mit Ölpastellen. Auf Ölpapier. Wir kennen es als Packpapier, es ist transparent, wenn wir es gegen das Licht halten. Wenn Kehrer die 47 x 40 cm großen Formate in seinem Atelier aufspannt, dann hat er die Kirchen der Innenstadt zunächst als Signet gezeichnet. Wie ein Scherenschnitt. Ganz einfache, klare Formen. In jedem Zyklus, mit Ausnahme bei der Paulskirche, bleibt die Erscheinung des Gebäudes gleich. Es gibt keine unterschiedlichen Ansichten. Das Kirchengebäude wird zum Logo.

Mit fünf Bildtiteln im Zyklus Liebfrauenkirche thematisiert Kehrer die Angebote einer Citykirche: Kloster, Kantate, Mette, Obdach, Andacht, Gebet. Hier scheint das Fremdbild des Künstlers mit dem Selbstbild der Ordensleute von Liebfrauen fast deckungsgleich zu sein. Das Image dieses Ortes hat der Maler erkannt und direkt umgesetzt. Ein richtiger Stadtmaler würde die einzelnen Kirchengebäude in einer Stadtlandschaft einfügen. Bei Kehrer bleibt es beim einzelnen Gebäude. Man könnte meinen, der Maler sieht die Kirchen der Stadt nur als einprägsame Solitäre.

Er will das moderne städtebauliche Umfeld nicht mit ins Bild bringen. Anstelle dessen: ein Brot, eine Tasse, eine Hand, ein Suppentopf.

Und ich vermute, er wird sein Frankfurt auch so wahrnehmen, wenn er durch die Stadt eilt und seine nächste Ausstellung vorbereitet.

Jede der fünf Kirchen wird in einem Zyklus von Gerd Kehrer regelrecht durchgespielt. Wie bei einer Porträtstudie. Zum Beispiel für die Katharinenkirche vierzehn Fassungen, beziehungsweise Titel: Sorgen – Help – Anliegen – Zeichen – Innovation – Halleluja – Humanität – Ökumene – Drogen – Oratorium – Aids – Urban – Konzert – Trauer.

Das nennt er dann künstlerische Umsetzung. In diesem Zyklus finden wir auch das malerisch reichhaltigste Material. Wie ein Zeichen hebt sich einmal die Kirche an der Hauptwache leuchtend weiß gegen rot und grün hervor oder schimmert im Gesichtermeer der Humanität leicht rosa ein andermal hervor – vor lauter Köpfen ist die Kirche fast nicht zu erkennen. Die Form des Zyklus ermöglicht Kehrer eine Reihe oder Serie ohne Anfang und Ende. Die Paulskirche ist ihm architektonisch ein Graus. Ihr Symbolwert, daran liegt es Kehrer.

Nein, dieser Zyklus ist nicht in SchwarzRotGold, das Denkmal tanzt, zwölfmal: von rechts nach links, von links nach rechts, von oben nach unten, von unten nach oben. Oder im Kreis herum: Metropolitan.

Die Titel dagegen orten heftig: Gedenken – Manifest – Festakt – Laudatio – Unabhängigkeit.

Schieflagen, expressive Farbkluster und in einzelnen Bildern sind es Allover-Texturen:

Gerd Kehrer bewegt das eigentlich statische Motiv und uns beim Betrachten.

Beim Zyklus Alte Nikolaikirche ist das alltägliche Raumerleben auf dem Römerberg Kehrers Bildern sehr nahe. Als hätte das kleine Kirchenportal eine anziehende Wirkung. Vom Römerberg rutschen die Passanten in den Kirchraum hinein: Verkündigung – Inspiration – Choral – Auferstehung.

Die Variationen können zur Meditation führen. Die Variation, sagt der Maler, arbeitet gegen die Plattheit des Realismus.

In den vier Arbeiten zu St. Leonhard zeigt Kehrer die architektonische Gliederung des Kirchbaus am deutlichsten. Auch das städtebauliche Umfeld von St. Leonhard deutet er im Gegensatz zu den anderen Zyklen an: Die Baumgruppe auf dem Vorplatz und der dahinterliegende Main und noch ein beliebtes Frankfurt-Motiv: Der Eiserne Steg. Ocker, grün, blau, weiß, rot für diesen vierteiligen Zyklus, je nach Bildmotiv anders gewichtet.

Beim Motiv Verbundenheit erhält St. Leonhard die realistischste Fassung eines Gebäudes in allen fünf Zyklen. Liegt dem Maler und Stadtgänger dieses Kleinod am nächsten?

Die Größe der Bilder soll uns beim Betrachten zur Meditation bewegen, 47 x 40 gibt die Möglichkeit zur unmittelbaren Begegnung mit Kabinettcharakter. Und die Kirchenbänke geben wenig Raum für Abstand. Dem Künstler ist es so recht. Nähe entsteht.

„Ein Unterschied zwischen der Vergangenheit der Griechen und unserer Gegenwart besteht darin“, schreibt der amerikanische Soziologe Richard Sennett, „daß sich die Alten, wenn sie über politische, religiöse und erotische Erfahrungen nachdachten, ihre Augen bedienen konnten, während die moderne Kultur unter einer Spaltung zwischen Innen und Außen leidet, einer Spaltung zwischen subjektiver Erfahrung und Erfahrung von Welt, zwischen dem Selbst und der Stadt.“ Das läßt sich nicht so leicht umkehren.

Aber mit Kehrers Bildern könnte ein ganz einfacher Akzent gesetzt werden:

Fünf Kirchen dieser Stadt hängen in einem Innenraum und die Innenwelt der Außenwelt können wir auf den Bildern lesen. Einfach in diesem Fall deshalb, weil es auf und mit Bildern geschieht. Aber wie könnte es draußen in der Stadt sein?

Und den Dom-Zyklus, den können wir uns in Kehrers Farbwelt denken: Wenn wir beim nächsten Mal im Schirn-Cafe auf ein Rendezvous warten und neben uns ein Handy piept.

„Die Kunst strebt fort von der Mitte“.

Ach, Herr Sedlmayr, was half das Gejammer.
Gerald Hintze
Diplompädagoge, Forum Dominikanerkloster,
Evangelischer Regionalverband Frankfurt am Main, 10. Oktober 1995

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