Cyprus – eine Vision

Von Eva Mongi-Vollmer

In nur einem Monat entstand nahe bei Paphos, im Südwesten der Insel Zypern gelegen, ein Zyklus von 38 Gemälden. Akribisch und rauschhaft zugleich hat der Frankfurter Künstler Gerd Kehrer in der einsamen Gegend am Meer die überwältigenden Natureindrücke auf seine ganz eigene Weise auf den Malkarton gebracht. Benannt ist die Serie konsequent nach ihrem Entstehungsort – ist dieser doch zugleich das Thema. Gerd Kehrers Zyklus umfasst eine abgeschlossene Folge von inhaltlich zusammengehörenden Werken. Die überwiegend gegenstandslosen Darstellungen erzählen keine Geschichte, doch ist die Reihe gleich einer Dramaturgie rhythmisiert durch unterschiedliche Themenblöcke.

Verbindend und übergreifend ist die Vision dessen, was die Insel Zypern durch die Augen und die malende Hand Gerd Kehrers ist. Doch es sind weder fernsichtige Landschaftspanoramen noch detailliebende Naturstudien, die den Künstler reizen und fordern. Vielmehr gilt seine Aufmerksamkeit der umfassenden Bearbeitung des Gesehenen wie Gespürten, das sich zusammensetzt aus einer Vielzahl von sinnlichen Faktoren. Das Licht, die Struktur des Gesteins, die Farbigkeit der Naturerscheinungen, die Präsenz des salzigen Meeres gilt es ebenso einzufangen wie die mythologische und historische Dichte der Insel, die nicht von ungefähr als die „Insel der Aphrodite“ bezeichnet wird.

Mit seinem Bedürfnis, all diese Erscheinungen der Landschaft in einen Systemzusammenhang zu bringen, steht Kehrer in der Tradition Alexander von Humboldts, der Landschaft als den „Totalcharakter einer Erdgegend“ definierte. So eröffnet Gerd Kehrer in seinem Zyklus einen Bilderkosmos der Insel Zypern, der deren mythische Vorstellung ebenso spürbar werden lässt wie deren Physis.

Oft sind seine gegenstandslosen Darstellungen solide gehalten durch ein tektonisches Gitterwerk, ein teils lineares Gerüst, das die geologische Kraft der Landschaft zum stabilen Bildraum werden lässt. Innerhalb dieses Rahmens wiederum entwickelt die Farbe ihre schier unendliche Kraft, sie dehnt sich aus in den Raum, schafft Reibungen wie Harmonien. Doch liegt der Reiz der Farbe für den Künstler nicht nur in ihrem Farbwert, sondern auch in ihrer Oberfläche, in ihrer Materialität. In teils reliefartigen Schichtungen führt sie Schritt für Schritt in die Tiefe des imaginierten Bildraumes, der durch Farbklänge und Flächenstaffelungen erzeugt wird. Seinen Widerpart findet das Kolorit in der Zeichnung, mit der Gerd Kehrer geradezu kalligraphisch seine Notate setzt. Mal stark konturierend, mal aber auch suchend skizzierend bewegt sich die Linie auf und zwischen den Feldern und Flächen. Ihre Aufgabe ist das Festhalten und das Umreißen, das Ordnen wie das Verwerfen. Und gerade dadurch ist die Zeichnung ein Sinnbild für die Annäherung zwischen dem Gesehenen und dessen künstlerischer Verwandlung, die eine der Besonderheiten der Bildenden Kunst überhaupt ausmacht.

Der Zyklus zeigt, wie sich der Künstler dieser Aufgabe stets neu stellt. Doch er zeigt auch, dass nicht nur die Widergabe der Erscheinung in einem steten Fluss ist. Denn durch Gerd Kehrers Werkreihe wird deutlich, dass die Natur selbst sich in einem steten Prozess der Verwandlung befindet. Der Abrieb der Felsen durch Wasser und Wind wird ebenso spürbar wie die archäologische Spur der komplexen Vergangenheit, das Bleichen der Materie durch die stete Sonne ebenso wie die Auswaschungen des Regens.

In der Malerei Gerd Kehrers gibt es weder die Endgültigkeit eines Naturzustandes noch die letzten Antworten auf die Fragen nach dem menschlichen Sein. Vielmehr schildert er den intensiv gespürten Augenblick, der einen Moment in der stets fließenden Natur- und Kulturgeschichte spürbar werden lässt. Form und Inhalt finden auf seiner Malfläche zu einer Einheit, Farbe und Zeichnung formen Motive, deren Abstraktion sie schwerlich verbal erfassbar, doch umso deutlicher erfahrbar macht.

Dr. Eva Mongi-Vollmer
Kuratorin für Sonderprojekte, Städel Museum, Frankfurt. 10/2007

Technische Daten

Die 38 Cyprus Bilder, ohne Titel, Querformate, 30 x 40 cm. Mischtechnik: Acryl-, Aquarell-, Gouache- Deckfarbe, Ölkreide, Graphitstift, Kugelschreiber, auf Acrylmalkarton 300 g/qm oder Aquarellpapier 250g/qm.
Die 18 Paphos Bilder/Skizzen, ohne Titel, Querformate, 10,5 x 14,7cm, Mischtechnik.

Die Bilder 7, 8, 9, 15, 16, 22, 32, 37, 38 sind Drehbilder und mit einem ¤ gekennzeichnet.

Sämtliche Werke sind vorder- und rückseitig signiert, datiert, numeriert, digitalisiert. GK WV2006

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