Von Gerd Kehrer
Online Frankfurt 1/7
Online Frankfurt ist aus der Distanz gesehen zunächst nur eine monochrom strukturierte, kobaltblaue Fläche, die Interesse weckt. Im Nahbereich assoziiert dieses Wandobjekt wie per Mouseklick – City, Labyrinth, High-Tech und Anonymität. Frankfurt? Vom Maintower oder aus dem All gesehen? Daß es sich dabei um die Mainmetropole handelt entschlüsselt jedoch erst die linke untere Ecke in einem „Computerfeld“.
Der Römer, ein tradiertes Wahrzeichen der Stadt, in dem über ihre Zukunft entschieden wird, steht unscheinbar, hälftig, im einzigen Freiraum des Bildes. Die Verbindungsdrähte zu seiner unmittelbaren Nachbarschaft sind abgerissen. Isoliert von der Umwelt, wie die Gesamtkomposition dieses Werkes von ihrem Bildrand, gibt es keinen Kontakt nach außen.
Vordergründige Harmonie verdeckt den kommunalen Umweltdissens zwischen Politik und Gesellschaft.
GK 9/2000
Memorandum für Mainhattan 2/7 – 5/7
Unsere Gesellschaft produziert Biomüll, Hausmüll, Sperrmüll, Energiemüll, Sondermüll, Schrott und chemische Schadstoffe. Ebenso viele Abfallprodukte also wie Erzeugnisse, die ihrem täglichen Konsum und Luxus dienen. Der dramatische Menschheits- und Natur-Notstand, der bereits heute daraus resultiert, wird weder von unseren Kreislaufwirtschafts- und Abfallgesetzen noch von prosperierenden Recyclingunternehmen gelöst werden.
Das rapide Wachstum von Müll- und Schadstoffdeponien, der Luft- und Wasserverunreinigung, der Plünderung von Ressourcen sowie der Vernichtung der Artenvielfalt, hat sich verselbständigt.
Dieses, wie auch die hohe Dunkelziffer der Illegalität von alltäglichen Umwelt-Geschäften, ist unserer „Wohlstands“-Gesellschaft ebenso gleichgültig wie die Zukunft ihrer Kinder, das Ozonloch oder das hausgemachte Ende dieser Welt.
Der vierteilige Werkblock Memorandum für Mainhattan ist ein künstlerischer Beitrag zum Thema Müll-Trennung.
GK 2000/01
Müllvermehrung, Müllverwertung 6/7
Schutt- und Müllhalden sind die Berge der Zivilisation, die im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel stinken. Sie bergen die schlechten Gewohnheiten sowie die offenen Geheimnisse ihrer Urheber. Sie werden abgetragen und werden dennoch immer höher. Sie bereiten schier unlösbare Probleme und viel zu viel Arbeit. Sie schaffen schadstoffbelastete und gesundheitsgefährdende Tariflohn-Arbeitsplätze für sozialschwache Menschen, die dafür viel zu oft mit ihrem Leben bezahlen müssen. Sie sind die illegalen Nährböden einer gierigen Müllmaffia, deren weltweite, skrupellose Geschäfte kaum geahndet werden.
Das Umweltproblem Wohlstandsmüll wird somit gemeingefährlich und irreparabel potenziert. Der Stinkefinger der „Kleinen“ (linke Bildhälfte) erhebt sich gegen die „Großen“; gegen Schieber- und Schwarz-„Arbeit“, mit der sich dieser Mob eine goldene Zukunft erhofft. Schutt- und Müllhalden aber sind an jedem Ort ständige Sterbehilfen des Juwel Erde.
Trotz FES liegt vor der Frankfurter Skyline, Messeturm, Maintower, Fraport, EZB und DG-Bank ein fast erdrückender Arbeitsberg – ein (Müll-)Haufen, voll mit Problemen. Die rote Messlatte am rechten Bildrand zeigt: das Maß ist voll!
Wer Müllvermehrung und Müllverwertung real begreifen will sollte zumindest einen einjährigen Zivildienst auf einer Deponie oder Abfallbeseitigungsanlage geleistet haben.
Wer aber will das schon?
Mein Wandobjekt ist in Hochachtung all jenen gewidmet, die ihr tägliches Brot mit Müllarbeit verdienen m ü s s e n. Keinesfalls aber denen, die nicht wissen was sie tun.
GK 6/2001
MuseumsuferFESt 7/7
Wie der Schweif eines Kometen zieht der Main unter sieben Brücken an Museen entlang durch die Frankfurter City. Er trennt nicht; er verbindet; Menschen und Kulturen. Dies macht den Fluss und sein Ambiente zu einer der attraktivsten Stadtlandschaften Deutschlands. Das kulturelle Herz Frankfurts schlägt am Museumsufer.
Trotzdem: Die Muse-ums-Ufer, die sich alljährlich mit ihrem sommerlichen Massenspektakel Museumsuferfest prostituiert, ist für die Umwelt eine höchst bedenkliche Allianz von Kultur und Konsum. Denn Kulturkonsum wie Konsumkultur, Kulturmassen wie Massenkultur, sind Widersprüche in sich selbst.
Daß Kultur- und Umweltbewußtsein jedoch untrennbar zueinander gehören erinnert diese Darstellung eines Flusses ebenso wie Naturschändung und Vergänglichkeit.
Form und Hängung des Objekts entsprechen dem realen Verlauf des Mainbogens mit sieben Brücken in der Frankfurter Innenstadt. Von links nach rechts: Friedensbrücke, Holbeinsteg, Untermainbrücke, Eiserner Steg, Alte Brücke, Obermainbrücke und Flößerbrücke.
GK 8/2001