An der Strippe

Der Sonntag: Telefoninterview mit Gerd Kehrer

Anruf bei Gerd Kehrer (56). Der Maler und Grafiker aus Frankfurt beschäftigt sich in seinen Werken auch mit den Stadtkirchen der Main-Metropole. Fünf Zyklen sind bis zum 23. November in der St. Katharinenkirche zu sehen.

Was fasziniert Sie an Kirchen?

KEHRER: Es sind Baudenkmäler, die seit Jahrhunderten in dieser Stadt stehen und diese auch markieren. Sonst wäre dieses Stadtbild eine gesichtslose Grauzone.

Haben Sie auch eine persönliche Beziehung zu Kirchen?

KEHRER: Eine persönliche Beziehung insofern, als daß ich sie fast täglich frequentiere. Ich gehe gerne in Konzerte und hin und wieder auch in Gottesdienste.

Welche Kirchen haben Sie gemalt?

KEHRER: Wenn ich von meinen Ölpastellen ausgehe, so sind es die Paulskirche mit einem Zyklus von zwölf Bildern, die Katharinenkirche mit vierzehn Bildern, Liebfrauen mit sechs, St. Leonhard mit sechs und die Nikolaikirche mit sechs Bildern. Es gibt darüber hinaus einige Großformate in einer anderen Technik, die allerdings nicht in der Ausstellung zu sehen sind.

Den Dom haben Sie nicht gemalt?

KEHRER: Es ist nicht auszuschließen, daß ich den Zyklus noch fortsetze. Der Dom ist sehr komplex, und dabei gehen mir so viele Gedanken durch den Kopf, wenn ich ihn malen sollte, gibt es ein Riesenzyklus.

Malen Sie eher realistisch oder abstrakt?

KEHRER: Realismus hat mich dabei nicht interessiert. Das Symbol Kirche steht in meinen Bildern jeweils im „Mittelpunkt“ – immer noch erkennbar, aber auf das Umfeld habe ich bewußt verzichtet. Ich möchte, daß die Bilder offen bleiben für die Phantasie des Betrachters und dessen eigene Meditation. Anstelle des Umfeldes treten bei den Ölpastellen künstlerische, weltliche, religiöse und soziale Aspekte.

Wie zum Beispiel?

KEHRER: Es gibt Themen wie „Europa“, „Drogen“, „Aids“, „Metropolitan“ oder „Help“ (Ernst Barlach Hommage). Die letzten drei Werke sind drehbare Bilder. Diese Werke sind von allen vier Seiten gemalt. Es gibt kein Oben und Unten. Die Bilder können beliebig gehängt und rezipiert werden. Sie erschließen sich eher, wenn sie frei im Raum hängen oder langsam an der Wand rotieren. Das ist allerdings bei dieser Ausstellung nicht machbar.

Bei „Drogen“ haben Sie also eine Kirche in Beziehung gesetzt zur Drogenproblematik?

KEHRER: Zumindest assoziativ. Die Bilder sollen nicht ein Problem penetrant in den Vordergrund rücken, das Problem wird nur angerissen. So habe ich zum Beispiel rund um die Liebfrauenkirche Gesichter angeordnet, die Halt und Obdach suchen.

Haben Sie eine Lieblingskirche?

KEHRER: Die Menge der Bilder zu jeder Kirche ergibt sich nicht daraus, daß ich eine lieber mag als die andere, sondern sie ergibt sich einfach aus dem Malprozeß. Ich mag die Innenstadtkirchen alle. Natürlich ist die Paulskirche architektonisch nicht so reizvoll, sie hat allerdings einen enormen Symbolwert – nicht als Kirche im eigentlichen Sinn, sondern als Wiege der Demokratie.

Haben Sie immer schon Kirchen gemalt?

KEHRER: Ich habe angefangen als Zeichner und Grafiker und habe mich sehr viel mit Gesichtern und Porträts beschäftigt. Neben vielem anderen gibt es auch Landschaftsbilder. Wenn ich mit irgendeinem Thema beginne, artet es oft zu einer Serie aus. Es ist auch experimentelles Gestalten dabei. Das mir oft angeheftete Etikett eines Frankfurt-Malers stimmt so nicht, obwohl ich einige Serien über Frankfurt gemalt habe.

Sind ihre Bilder käuflich?

KEHRER: Ja. Aber es bleibt immer ein Zwiespalt.

Anrufer:
Bernhard Perrefort
Der Sonntag, Kirchenzeitung für das Bistum Limburg, Nr. 42/15 Oktober 1995