Am blauen Band der Börse

Eine „Sightseeing-Tour“ mit Gerd Kehrer zu sechs internationalen Börsenplätzen
Von Dorothee Baer-Bogenschütz

Wenn die Welt klar wäre, gäbe es keine Kunst. Albert Camus

Für Martin Luther war sie ein Silber- und Goldloch. Gerd Kehrer erscheint die Börse blau wie das Mittelmeer. An seinen Gestaden fanden, bevor sich der Handel in die atlantischen Handelsstädte verlagerte, die ersten Börsenversammlungen statt. Das waren Zusammenkünfte von Kaufleuten, die Informationen über politische Entwicklungen, Zollbestimmungen, Ernteerträge und persönliche Angelegenheiten austauschten. Die frühen Börsen – man bezeichnete ursprünglich mit dem Begriff sowohl das Gebäude als auch die Versammlung selbst – wurden an Häfen abgehalten, an Brücken oder an städtischen Plätzen.

Seit wann es Börsen gibt, läßt sich nicht genau sagen. In der börsengeschichtlichen Literatur herrscht bemerkenswerte Uneinigkeit. In Italien sollen schon im 12. Jahrhundert börsenmäßige Treffen stattgefunden haben. Im ausgehenden 14. Jahrhundert entstanden die ersten vier Börsenbauten in Bologna, Barcelona, Dordrecht und Perpignan.

In Frankfurt am Main konstituiert sich die Börse im Jahre 1585. Hier spielt sich das Börsengeschehen besonders lange unter freiem Himmel ab. Amerika ist längst entdeckt, die Welt denkt bereits in atlantischen Dimensionen, da tagen die Spezialisten des Wechsel- und Zahlungsverkehrs in Frankfurt noch immer unter der Endloskuppel des Firmaments.

Gut hundert Jahre später gönnen sich die Börsianer endlich ein Dach über dem Kopf. Im Haus Braunfels, dem geräumigsten Gebäude im damaligen Frankfurt, mieten sie um 1694 einen großen Saal und einen kleinen Raum für die Geschäftsführung. Nicht nur Georg Philipp Telemann inspiriert das Flair des Kapitalplatzes mit internationalen Verbindungen ungemein. Er komponiert die Ouvertüre „La Bourse“.

Erst in den Jahren 1840 bis 1844 erhält Frankfurt sein erstes eigenes Börsengebäude, die im Zweiten Weltkrieg zerstörte „Alte Börse“. Sie erfüllt ihren Zweck nur wenige Jahrzehnte lang.

Das Gebäude am Paulsplatz wird noch im 19. Jahrhundert als Börsendomizil aufgegeben. Nachfolgerin ist ein wohlproportionierter Gründerzeit-Bau, der mit kräftiger Unterstützung von Stilelementen der italienischen Renaissance auf einer Fläche von 6000 Quadratmetern den Geist des Wilhelminischen Zeitalters verströmt. 1879 wird das herrschaftliche Gebäude mit seinem beziehungsreichen Skulpturenschmuck eingeweiht.

Bald darauf geht die Eröffnungsveranstaltung in Frankfurts Opernhaus über die Bühne – der heutigen „Alten Oper“ – , das in den Jahren 1873 bis 1880 errichtet worden ist. Das Musiktheater hätte ursprünglich am Rahmhof gebaut werden sollen – an eben der Stelle, wo das neue Börsengebäude entstand. Offensichtlich war man hier offen für alles Mögliche – Hauptsache, es kamen Noten ins Spiel.

Zu guter letzt verwirklichte die Stadt Frankfurt ihr kunstsinniges Vorhaben jedoch ein paar Straßenzüge weiter. Zwischen Taunusanlage und Bockenheimer Anlage wird sie eingepaßt, die „Schließe im kostbarsten Gürtel um den Stadtleib“. Die Oper. Noch ein Palast.

Kunst und Geld genehmigen sich in jenen Jahren schmucke Weihestätten. Auch das Opernhaus kleidet sich ins Gewand der Solidität anzeigenden Neorenaissance. „Das können sich nur die Frankfurter leisten“, staunt Kaiser Wilhelm I. angesichts der Prachtentfaltung.

Nachdem die Frankfurter Börse sich lange in Bescheidenheit geübt hatte, ist der neue Prunkbau nicht zuletzt ein Versuch, international die über Jahrhunderte erworbene Reputation zu demonstrieren. Läßt man die Hamburger Börse außer acht, so hat kein europäischer Börsensaal vergleichbare Dimensionen. Die weitläufige, 38 Meter lange und 27,5 Meter breite Säulenhalle in Frankfurt ist eine Statusarchitektur. Sie befriedigt den gewachsenen Anspruch der Metropole an Kultiviertheit und ästhetische Klasse: Schluß mit der Reserviertheit, man legt jetzt Wert auf eine repräsentative Erscheinung.Das ausgehende 19. Jahrhundert gelüstet es nach Wahrzeichen. Des aus dem Messewesen hervorgegangene Börsenbetrieb bedient sich der Strahlkraft majestätischer Architektur.Schon der üppige Fassadenschmuck des Börsengebäudes unterstreicht den Anspruch eines Welthandelsplatzes. Wie auf dem Petersdom stehen Skulpturen auf der Balustrade und nobilitieren den Tempel der Kreditwirtschaft.

Anstelle des ebenerdig postierten, von dem Frankfurter Bildhauer Reinhard Dachlauer in den achtziger Jahren in Bronze gegossenen Tierfiguren Bulle und Bär, welche die Hausse und die Baisse verkörpern und anläßlich der 400-Jahrfeier der Frankfurter Börse im Jahre 1985 als monumentale Maskottchen vor dem Geldumschlagplatz postiert worden sind, symbolisierten in den Augen mancher Zeitgenossen zunächst die Allegorien „Frieden und Wohlstand“ neben „Krieg und Trauer“ den Hochstand der Kurse und ihr Sinken.

Die Skulpturenpaare haben einen prominenten Sitzplatz. Sie thronen – gleichsam als Galionsfigur – auf dem linken und rechten Avantcorps, den vorspringenden Gebäudeteilen des Frankfurter Börsengebäudes. Darstellungen der Schiffahrt und der Eisenbahn, der zwölf Tierkreiszeichen und des Frankfurter Adlers leisten ihnen Gesellschaft.

War seit der Frühzeit des Börsengeschehens bis ins 20.Jahrhundert das „Parkett“ von tragender Bedeutung, so bestimmt mittlerweile das Technologie-Design die Vorgänge rund um die Kurse. Heute beherrscht der Dax das Treiben an der Börse. Der Deutsche Aktienindex, den Frankfurt seit nunmehr fast zehn Jahren errechnet, ist „das blaue Band der Börse“. Unaufhaltsam mäandert es durch die Kurstabellen. Gerd Kehrer, den die Deutsche Börse AG beauftragt hat, sechs Bildobjekte zum Thema „Weltbörsen“ zu schaffen, orientiert die Konturen seiner reliefhaften Gebilde am Zackenlauf des Dax. Dieses Diagramm ist seit 1995 zugleich das Logo der Gruppe Deutsche Börse.

Indem sie sich darauf beziehen, gehorchen Kehrers Wandbilder auf Holzfaserplatten dem Prinzip des „Shaped canvas“. Sie sind objekthafte Bildträger mit speziellem Zuschnitt. Die gewöhnliche rechteckige Formation ist zugunsten von seitlich stark gekerbten Trägerflächen aufgehoben und dynamisiert. Scharfkantig wird auf das bewegte Börsengeschehen verwiesen. Die einzelnen Objekte Kehrers erscheinen wie geometrisierte Flügelsegmente.

Auftragsgemäß dominieren auf den Bildflächen die CD-Stilelemente der Börse: Hellblau und Dunkelblau in vorgegebenen Nuancen. Es sind die beiden „Primärfarben“ in der Farbskala, mit der die Gruppe Deutsche Börse ihre Corporate Identity/CD unterstreicht. Im sechsteiligen Börsenbilderbogen von Gerd Kehrer zeigen sie jedoch mehr an als das Kolorit des Kreditwesens und der Wertpapierwirtschaft. Sie stehen für den Luftraum, für Himmel und Erde.

Mit Hilfe einer eigenwilligen Mischtechnik entwickelt Kehrer den spannungsvollen Reliefcharakter seine Collagen. Öl- und Acrylfarben werden mit Sand und Zement vermengt. Die Arbeiten erscheinen körnig wie eine reale Landschaftsstruktur. Von den sechs Gemälden: Börsenporträts in abstrakter Stadtlandschaft, gehen haptische Reize aus.

Inhaltlich sind sie als subtil verrätselte Vignetten zum Börsenspektakel zu verstehen. Sie deuten hin auf die globale Vernetzung der Finanzzentren, die weltweit an sechs Top-Plätzen des Kapitalmarkts lokalisiert sind. Die Börsen in Frankfurt, New York, Chicago, London, Paris und Tokio machen als globale und umsatzstärkste von sich reden. Mehr als 90 Prozent des Geschäfts werden hier getätigt. Ohne großes Aufhebens, ohne die Übermittlungsdienste von reitenden Boten. Zunehmend ohne den Einsatz der Parketthändler: „Das Parkett wandert hinüber in elektronische Systeme“.

Mehr und mehr regieren der Chip und das Computer-Trading die Börse. Der wortreiche Gedankenaustausch der mittelalterlichen Kaufleute am Meer ist lange verebbt. Das Zeitalter der „Produktnamen“ hat sie endgültig verstummen lassen. Mit jenen kürzelhaften Signaturen bezeichnet die Börse ihre Software. Sie sind die kleinsten verbalen Nenner der weltumspannenden elektronischen Kommunikation des Kapitals.Gerd Kehrer hat sie in seine Börsenporträts integriert, collagierte aber auch historische Wertpapiere in seine zeitgemäßen, wiewohl sacht nostalgischen Betrachtungen der Börsenlandschaft.

Auf den ersten Blick glaubt man, Werke vor sich zu haben, die mit dem Stilbegriff des Informel in Zusammenhang gebracht werden können. Tatsächlich läßt jedoch die spontane malerische Geste, der die kaleidoskopartig anmutenden Arbeiten ihre Ausdrucksqualität verdanken, an vielen Stellen Raum für Konkretionen. Topographische Anhaltspunkte und ausgewählte Sehenswürdigkeiten der Weltstädte sind ebenso im Bild wie Hinweise auf geschichtliche Bezüge. Kehrers Ansicht von Frankfurt trägt den Titel MAINLINE sowie – gleichsam im Untertitel – den Produktnamen Boss. Er ist an der oberen Bildkante abzulesen.

Das riesige Dollarzeichen darunter steht für die traditionelle enge Beziehung zu den USA. „Die Entdeckung Amerikas öffnete einen Kontinent, dessen finanzieller Vorort Frankfurt später wurde“, heißt es in der Börsengeschichte. Frankfurt hat einst Unternehmungen wie den amerikanischen Eisenbahnbau und den amerikanischen Bürgerkrieg mitfinanziert. Die „Börsentiere“ Bulle und Bär sind übrigens Erfindungen der New Yorker Wall Street, wurden aber in Amerika niemals plastisch dargestellt.

Die MAINLINE ist gesäumt von den arithmetischen Zeichen + und -. Signethaft umschwirren sie den Frankfurter Messeturm. Das hat Gründe. Die Wurzeln der Frankfurter Wertpapierbörse reichen bis ins ausgehende Mittelalter. Seinerzeit waren die am Main regelmäßig stattfindenden Warenmessen die Basis für den Handel mit Münzen und Wechseln. Seit dem 19. Jahrhundert gehört Frankfurt dem Zirkel der Weltbörsen an, den New York anführt. Die Börse am Südzipfel des „Big Apple“ ist freilich gerade mal halb so alt wie ihr Pendant in der Hauptstadt des „Äppelwoi“. Das erschüttert ihr Selbstbewußtsein mitnichten. Empfindlich reagiert sie unterdessen auf eine Spöttelei im eigenen Land. Neuerdings fürchtet die New Yorker Institution um ihren guten Ruf, weil ein Spielcasino in Las Vegas es gewagt hat, die säulengeschmückte Fassade der „New York Stock Exchange“ nachzubauen. Ein Spaß für die Glücksspieler in Nevada, ein Sakrileg in den Augen der Wall Street-Spekulanten. Die Betreiberfirma des Casinos ist freilich – wie das Wirtschaftsleben so spielt – in New York börsennotiert.

LIBERTY nennt Gerd Kehrer seine New York-Ansicht. An der rechten oberen Bildkante findet sich der Produktname CASCADE in einer gestürzten Linie. Die Freiheitsstatue ist am rechten unteren Bildrand hoheitsvoll ins Geschehen gerückt und an ihrem Strahlenkranz erkennbar.

Dabei ist der Umriß der berühmten Statue im Bildkontext keineswegs dominant. Kehrer illustriert das ihm gestellte Thema nicht, sondern er interpretiert es so, daß eine Menge Spielraum bleibt. Alle Werke des Zyklus sind auf eine Weise offen, die es dem Betrachter gestattet, eine Vielzahl individueller Assoziationen zu formulieren.

Die verhaltene Gegenständlichkeit ist ein spürbar untergeordneter Aspekt des Porträtzyklus.

Nicht einmal die amerikanische Flagge im unteren Bilddrittel von LIBERTY drängt sich dem Betrachter dinglich auf. Sie kann als amorphes Strichgewitter ohne realen Hintergrund empfunden werden. Noch schwerer ist die schwarz skizzierte „Mayflower“ im Farbsand zu entdecken, das Schiff, mit dem die Pilgerväter 1620 bei Cape Cod landeten.

EURO, das Bild von Paris, trägt den Produktnamen DTB an seiner oberen Kante. Schräg darunter schiebt sich der Arc de Triomphe in den Vordergrund. Von der unteren Bildkante ragt der Eiffelturm diagonal ins Bild. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts – Frankfurt ist Hauptort für österreichische Effekten und identifiziert sich einstweilen weitgehend mit Wien – vergleicht sich die Börse der Mainmetropole bevorzugt mit den Börsen in London und Paris. Die waren damals noch breiter fundiert als ihr Frankfurter Pendant. Im späten 18. und im frühen 19. Jahrhundert zeigte Frankreich Flagge als die führende Nation im Börsenwesen.

London erscheint bei Gerd Kehrer unter dem Stichwort CONNECTIONS. Der Produktname lautet IBIS und ist am rechten unteren Bildrand zu entziffern – vorausgesetzt, man weiß, wo man ihn suchen muß. Kehrer hat diesmal auf leicht lesbare Druckbuchstaben verzichtet und das Kennwort mit malerischem Schwung und dunkelblauer Farbe im mittelblauen Grund verankert. Es verliert sich beinahe in der expressiv abstrakten Textur des London-Panoramas, in dem Big Ben nicht fehlen darf, aber auch ein Punk mit seinem Hund vorkommt. Der ein wie der andere sind im Dickicht vermeintlich chiffrenhafter Formen fast unsichtbar. Oder ist das der Nebel über der Britischen Insel?

Gut lesbar ist hingegen der mit Pünktchen hervorgehobene Produktname DAX in der Ansicht von Chicago, die sich hinter dem Titel FUTURE verbirgt. Die Punkte wirken wie die Lämpchen einer Leuchtreklame ohne Strom. Schwarzer Freitag in Chicago?

Ansichten von Wolkenkratzern und Ausschnitte aus alten Railroad-Aktien, die in die Farbflächen collagiert sind, charakterisieren die Boomtown als Pilgerziel für Liebhaber innovativer Architektur und als Verkehrsknotenpunkt. Weiße Zementmassen ergießen sich ins Stadtbild, in dem arithmetische Zeichen verstreut sind. Die unvermittelte Helligkeit in diesem Börsen-Bild ist auffällig. Eine Anspielung auf die weißen Westen, unter denen sich in der Stadt der schnellen Gewinne und Verluste zu gewissen Zeiten allerhand düsteres verbarg, rauchende Colts eingeschlossen? In Chicago wird Kehrer ironisch.

Tokio firmiert in Kehrers Kosmos unter dem Begriff INFORMATION und trägt den Produktnamen DWG. Wirken einige Arbeiten des sechsteiligen Börsenzyklus formal wie phantastische Paraphrasen auf topographische Gegebenheiten, so fesselt das Bild der asiatischen Kapitale das Auge durch sein graphitartiges Liniengewirr. Die japanische Kalligraphie spielt eine zentrale Rolle in dieser Komposition. Der europäische Betrachter scheitert freilich an seiner Unkenntnis der Schrift. Selbst die Angaben auf den collagierten japanischen Wertpapieren können allein visuell, nicht aber intellektuell rezipiert werden. Kehrers Tokio-Tafel ist der abstrakteste Beitrag zur gesamten Folge.

In der Kunst zählt nur eines“, raunte einmal Georges Braque, „daß was man nicht erklären kann“. Auch beim Börsengeschehen sowie in den verschiedenen Allianzen von Geld und Kunst bleibt manches unerklärlich. Bereitwillig stützen Experten diese Beobachtung. „Kunstobjekte haben eine gewisse Ähnlichkeit mit Produkten der Kreditwirtschaft: Sie sind abstrakt und gelten als erklärungsbedürftig und beratungsintensiv“, heißt es in einem Ratgeber für die Kommunikation mit Kunst, den der Deutsche Sparkassenverlag herausgibt.

Die Existenz ausgeprägter Hemmschwellen erschwert die Annäherung des Laien an beide Bereiche: den der Kunst und den des Finanzwesens. Um hinüber zu gelangen, bedarf es besonderer Formen der Initiation. Nur Eingeweiht haben Spaß. Nicht zuletzt gilt es, hier wie dort das Deckmäntelchen des Elitären zu durchschauen. Offenbar werden die profanen Gelddinge – ähnlich wie die Kunst – oft genug von der Aura des Magischen umhüllt. Pekuniäre Angelegenheiten, verhandelt in mächtigen Hochhaustürmen und in den feinen Sitzungszimmern der Banken, erhalten einen Nimbus, der ihre Alltäglichkeit verschleiert. Gerade das Geheimnisvolle aber weckt das Begehren. Dies hat Gerd Kehrer mit seinen Börsenporträts zum Ausdruck gebracht. Mit seinem Börsenzyklus hat er sich auf eine Gratwanderung eingelassen zwischen freier Kunst und zweckdienlicher Bebilderung. Dabei mußte Kehrer sich die Frage stellen, inwieweit sich die Institution Börse künstlerisch vermitteln läßt. Es hätte wenig Sinn gemacht, die Baugattung ins Auge zu fassen und die Börsengebäude der sechs Kapitalplätze exemplarisch ins Bild zu rücken. Ein solcher Umgang mit der Aufgabe hätte Abbildlichkeit provoziert,die Kehrer vermeiden wollte.

Die Börsenarchitekten, die sich bevorzugt aus den architektonischen Reservoirs bedienten, welche Rat- und Gildehäuser, Loggien und Märkte boten, und sich gerne von anerkannter Herrschaftsarchitektur beeinflussen ließen, entwickelten zumeist klassische Bautypen und gaben sich weitgehend konservativ. Gerd Kehrer aber wollte den Ausblick in die Zukunft. Ebensowenig war eine Annäherung an das gestellte Thema über den Gegenstand des Börsenhandels denkbar, wird doch an den Börsenplätzen – im Gegensatz zu den Marktplätzen jeder Art – „vollkommen unkörperlich gehandelt“.Wo aber keine Körperlichkeit ist, ist kein sinnliches Begreifen möglich: Es wird an der Börse nicht nur unkörperlich, sondern obendrein unsinnlich verkehrt.Dies gilt erst recht, seitdem der Computerhandel die traditionellen Kommunikationsformen verdrängt. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache, daß das Ende des Parketthandels absehbar ist, das elektronische Handelssystem sich immer mehr durchsetzt und der Umgang mit dem Chip den Rundgang um den Säulenschaft ersetzt, entschied sich Kehrer daher für abstrakte Formulierungen.Sie lassen genügend Raum für Reflexionen über den Wandel in der Börsenkultur, die inzwischen mit „Get together“-Veranstaltungen den zwischenmenschlichen Kontakt pflegt: „Da können die Leute einander die Hände schütteln und ein Bier trinken“. (Bernhard Schüller).

Gerd Kehrer stellte keine starre kompositorische Ordnung auf. Er ließ den Gemälden gewissermaßen freien Lauf. Sie wirken kraft ihrer spannungsvollen Farbbeziehung. Ihre Attraktivität und Ausstrahlung erwächst unmittelbar aus der Malerei und nicht aus dem mit viel Feingefühl nonchalant eingebetteten Börsenstoff. Die collagierten Miniaturen sind Apercus. Im Zeitalter der virtuellen Wirtschaft, die ihre letzten Refugien von Anschaulichkeit preisgibt, erinnert Gerd Kehrer im Trubel von Deutschlands führende Aktien- und Devisenbörse mit seinen bewegten azurblauen Börsenbändern so gestenreich wie sensitiv an die mediterranen Anfänge des Börsenwesens.

Dorothee Baer-Bogenschütz
Kunsthistorikerin, Journalistin

Text aus Katalog: Gerd Kehrer – Am blauen Band der Börse, Wiesbaden1997

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Technische Daten
6 Wandobjekte: Format: 125 x 100 x 5 cm

Die Werke sind im Besitz des Auftraggebers Gruppe Deutsche Börse

Katalog
Herausgeber Gruppe Deutsche Börse, 1997
Mit Texten von Bernhard Schüller und Dorothee Baer-Bogenschütz.

Technik
Mischtechnik, Acryl-, Öl-, Dispersionsfarbe, Sand, Zement, Gaze, Papier, Ponal auf MDF-Platte, 16 mm. Sämtliche Werke sind vorder- und rückseitig datiert und signiert.

Die oberen und unteren Bildbegrenzungen entsprechen der Ober- und Unterkante des Logos der Gruppe Deutsche Börse.

Die 6 Wandobjekte entstanden von Mai bis November 1996. GKWV 1996