Citykirchen und die Innensicht der Außensicht

„Meine Bilderzyklen der Frankfurter Citykirchen sind Werke von christlicher Spiritualität. Der Bilderzyklus Paulskirche, die als die Wiege der deutschen Demokratie bezeichnet wird, ist eine malerische Demonstration für die Werte der Demokratie. Die übrigen vier Bilderzyklen zur Katharinenkirche, Leonhardskirche, Liebfrauenkirche und zur Alten Nikolaikirche sind Zeichen meiner Verbindung zur Stadt Frankfurt und Teil meiner eigenen Lebenskultur.“
Gerd Kehrer

Fünf Bilderzyklen von Gerd Kehrer zu Frankfurter Kirchen

Von August Heuser

„In meinen Frankfurt Bildern schwelt für mich auch immer die Erinnerung, daß ich meine Heimatstadt bereits in frühester Kindheit als Trümmerhaufen erlebt habe“, so schreibt Gerd Kehrer in einer Notiz zu seiner künstlerischen Arbeit. Er kennt seine Geburtsstadt, deren Häuser und Orte, ihre Wege und Gassen, deren Bild- und Kunstgeschichte und ihre politische und gesellschaftliche Wirklichkeit. All das prägte seinen Blick als Künstler auf Frankfurt am Main und die Welt. In seinem breiten und vielseitigen bildnerischen Schaffen mit einer Vielfalt von Themen und Techniken, malte er Bilder und Bildzyklen zu Themen der Zeit, zu fernen Orten und Ländern und zu Persönlichkeiten aus Geschichte und Gegenwart. Darüber hinaus entstanden annähernd 20 Zyklen zu Frankfurt am Main. Fünf davon widmete er den Frankfurter Citykirchen – der Paulskirche, St. Leonhard, Liebfrauen, St. Katharinen und der Alten Nikolaikirche. Damit nahm Gerd Kehrer eine Bildidee auf, die lange aus der Bildgeschichte der Stadt verschwunden war.
Vielleicht ist Gustave Courbets Bild mit dem Blick von Sachsenhausen über die Alte Brücke zum Dom von 1858, das heute im Städel hängt, eines der letzten großen Gemälde einer Kirchenansicht aus Frankfurt, wenn auch der Dom mit Lang- und Querhaus fast im Häusermeer untertaucht. Aber die trüben Farben der untergehenden Sonne am Himmel lassen den Domturm in seiner mittelalterlichen, unvollendeten Architektur fast wie ein Kerzenstummel aus der Altstadt hervorragen. Der Dombrand und der Wiederaufbau des Domes förderten noch einmal seinen bildnerischen Ruhm. Die anderen Kirchen Frankfurts blieben in der Kunst des 19. Jahrhunderts fast ausgespart. Diese Lücke im Bildprogramm der Stadt wurde auch im 20. Jahrhundert nicht mehr geschlossen. Die Maler hatten an den großen Kirchen der Stadt ihr Interesse verloren. Kirchen waren, zeithistorisch und zeitgeistig bedingt, keine würdigen Objekte mehr für die Kunst. Zwar malte Max Beckmann noch viele Stadtansichten Frankfurts, z. B. neben dem Hauptbahnhof (1930), der Synagoge am Börneplatz (1919), dem Blick auf das Nizza (1921) schließlich in seinem Bild Eisgang (1924) mit Blick auf den winterlichen Main auch den Dom und im Bild Eisernen Steg (1922), das in der Blickumkehrung des Courbet-Bildes von Frankfurt nach Sachsenhausen die Ansicht auf die neugotische Dreikönigskirche zeigt, die auch in seinen Bildern Mondlandschaft (1925) und Mainufer mit Kirche (1925) noch einmal vorkommt, aber die Frankfurter Innenstadtkirchen kommen im 20. Jahrhundert nicht mehr in den Blick der großen Kunst.
Diese künstlerische Leerstelle im Bildprogramm der Stadt wurde auch nach dem Zweiten Weltkrieg, trotz des Wiederaufbaus, nicht mehr gefüllt. Die Kunst suchte Anderes, Abstrakteres, Experimentelleres, Moderneres, als die alten Kirchen und Kirchtürme der Stadt. Die alten Kirchengebäude besaßen für die Künstler, die in Frankfurt ihren Platz nach dem Zweiten Weltkrieg suchten, keine Bildwürdigkeit mehr. Das hatte sicher Gründe im Kunstgeschehen nach dem Zweiten Weltkrieg, hatte aber vielleicht auch mit dem zunehmenden Bedeutungsverlust der Kirche im gesellschaftlichen Leben Frankfurts zu tun. Fromme Bilder und seien es nur Kirchenveduten waren schon vor dem Zweiten Weltkrieg und erst recht in der Nachkriegsgesellschaft nicht mehr gefragt. Die Kirche stand nicht nur in ihren Bildprogrammen sondern auch als Bildsujet im Abseits der Kunst, des Kunstmarktes und des Käuferinteresses. Einige positive künstlerische Beispiele bei der Ausstattung der Kirchen nach dem Zweiten Weltkrieg bestätigen hier freilich nur die Regel.
Es muss deshalb verwundern, dass sich Gerd Kehrer mit seinen Zyklen der fünf Innenstadtkirchen – Citykirchen – am Ende des 20. Jahrhunderts, seit 1994, einem für Frankfurt seit mehr als 100 Jahren ungewöhnlichen Bildmotiv zugewandt hat und den Citykirchen – der Paulskirche, der Leonhardskirche, der Nikolaikirche, der Katharinen- und Liebfrauenkirche – mit seiner Kunst ein Denkmal gesetzt hat und dieses künstlerische Denkmal sogar in Bildzyklen steigerte und überhöhte. Die fünf genannten Kirchen zählen architektonisch und künstlerisch aber auch historisch zu den fünf Hauptkirchen der Stadt. Sie umgreifen, beginnend mit der Leonhardskirche als älteste Kirche Frankfurts, bis hin zur Paulskirche, als nicht nur architektonisch bedeutendsten Sakralbau Frankfurts, im 19. Jahrhundert, annähernd 1000 Jahre der Profan- und Kirchengeschichte in der alten Reichsstadt Frankfurt am Main.
Diesen fünf Kirchen widmete Gerd Kehrer, ohne missionarische oder propagandistische Absicht, jeweils einen Zyklus von mindestens sechs Bildern als Ölpastelle auf Ölpapier. Das formal Besondere an diesen Zyklen ist, dass der Künstler seine Sichtposition zur jeweiligen Kirche nicht verändert, sondern aus der einmal gewählten Position heraus die Ansicht jeweils malerisch und inhaltlich variiert und dadurch eine fast musikalische Struktur und Dynamik herstellt, die dem jeweiligen Kirchenzyklus aber auch den Zyklen insgesamt eine Einheit verleiht. Die vielen Einzelstücke binden sich wie in der Musik als Variationen zu einer Einheit. Die fünf Serien bilden am Ende ein Gesamtes.
Den Anfang der Reihe bildete 1994 die Paulskirche. Sie war als der „Festsaal der Stadt“ und Gründungort der deutschen Demokratie von 1848 das erste Projekt in der Reihe der Kirchenzyklen des Malers Gerd Kehrer. Hier empfing der Künstler bei einer Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Jahre 1994 an den Spanischen Schriftsteller Jorge Semprun – dessen Literatur von den Erfahrungen der Nazizeit geprägt ist – seine Inspiration zu dem Projekt. Die Bildtitel aus dem Paulskirchen-Zyklus von 1994/95 lassen an die Feierstunde zu diesem jährlich bedeutenden Ereignis für Frankfurt und Deutschland denken. Sie sind wie Stichworte aus der Feierstunde, die sich Gerd Kehrer notierte, die er als wichtige Erinnerung mit sich herumtrug und ins Bild – seiner Ausdrucksmöglichkeit – übersetzte. Sehr schlüssig wird die Abfolge und der Rhythmus seiner Gedanken in die Bilder des Zyklus übersetzt. Seine Hommage an Jorge Semprun gibt dem Gebäude der Paulskirche fast menschliche Züge, im Festakt hängt ein Meer von Fahnen im imaginierten Bild, im Empfang führt eine breite Straße auf die Kirche zu, das Gedenken kommt nicht aus, ohne das Zitat des Ausschwitz-Denkmals an der Paulskirche, die Erleuchtung lässt die Kirche hell glühen und zeigt sie fast in ihrem Untergang im Zweiten Weltkrieg, Multikulturell zeigt die Kirche aus kleinen malerischen Teilkompositionen erbaut, das Manifest erinnert an ein Stück bemaltes oder beschriebenes Papier, Metropolitan bettet die Kirche ein in den Stadtplan, Unabhängigkeit zitiert Schwarz, Rot und Gold, Laudatio gibt dem Geist Flügel und Integration führt die genannten Stichworte bildnerisch zusammen auf, dass sie in der Farbenglut Europas – Blau, Gelb aber auch Rot – ihr Strahlen zeigen.
Gerd Kehrer malt seine Gedanken zur Feierstunde in der Paulskirche in einem expressiven malerischen Duktus. Er setzt damit die historische Potenz des Bauwerkes in seiner Kunst und ihren Möglichkeiten um, ohne sie erzählerisch zu zeigen und zu erinnern. Alles bleibt Malerei und ist der Malerei zuzuordnen. Nichts geht dabei an malerischer Substanz verloren. Der Künstler bleibt bei allem Maler. Er entzieht sich dem erzählerischen Protokoll eines Ereignisses: er malt vielmehr das Ereignis. Nur die Form des Kirchengebäudes bleibt als Konstante stehen. Von dieser Form aus nimmt Kehrers Malerei ihren Ausgang und an sie bindet er sich und seine malerischen Gedankengänge immer wieder zurück.
Der Zyklus der Bilder von St. Leonhard verdeutlicht, wie die anderen Zyklen – Liebfrauen, St. Katharinen und Nikolai – Erfahrungen des Künstlers, ohne dass er auch hier diese erzählerisch beschreibt bzw. formuliert. Dennoch bleibt die persönliche Haltung des Künstlers sichtbar und überträgt sich fast auf die Betrachterin oder den Betrachter. Die präzise künstlerische Gestaltung der Stimmungslagen, die die Titel der Bilder kennzeichnen, ist dabei eine der Stärken dieser Zyklen von Gerd Kehrer und zeichnen sie und den Künstler geradezu aus.
Der hier beschriebene Zusammenhang von Bild und Titel in den Zyklen Kehrers macht deutlich, wie sehr sich der Künstler in seine Bilder und Bildkompositionen einbringt. Gerd Kehrer bleibt niemals als objektiver Betrachter vor seinen Bildern, sondern ist mit seiner Haltung zum Gegenstand seiner Malerei selbst immer auch mit den Bildern subjektiv also zuinnerst verbunden. Deshalb sind auch die Kirchenzyklen Kehrers nicht einfach Stadtbilder, die ihren Gegenstand im Sinne der üblichen Ansichtskarten zur Abbildung bringen. Weit darüber hinaus vermitteln sie die Innensicht der Außensicht. Ob er dabei, wie es Dorothee Baer-Bogenschütz in ihrem Beitrag zum Katalog des Paulskirchen-Zyklus schreibt, die Paulskirche – was auf die anderen Zyklen zu übertragen wäre – auf ihre „Tauglichkeit als Chiffre einer aus dem Lot geratenen Zeit“ eruiert, sei dahingestellt. Vielmehr scheinen die Zyklen doch eine eigene biographische Haltung zum Thema dieser Frankfurter Citykirchen und ihrer Bedeutung für den Künstler im Wissen um deren Geschichte und deren heutigen gesellschaftlichen Bedeutung zu zeigen. Manche Titel zeigen dies ganz deutlich, so wie schon gezeigt die Titel zum Paulskirchen-Zyklus aber auch die zum Zyklus St. Leonhard, so z. B. der Titel Glaubensweg, der an St. Leonhard als Pilgerkirche erinnert oder den Titel Ostermesse, aber auch im Liebfrauen-Zyklus der Titel Obdach, der an die heutigen caritativen Bemühungen der Kapuzinerpatres dort erinnert. Ähnliches ließe sich auch für Gerd Kehrers Titel zum Katharinen-Zyklus und zum Nikolai-Zyklus sagen. So spielen einige Titel des Katharinen-Zyklusses auf die kirchenmusikalischen Aktivitäten dieser Kirche an, wie die Titel Botschaft oder Verkündigung dem Kenner die besondere Aufgabe dieser Frankfurter Kirche auf dem meistbesuchten Platz der Stadt, dem Römerberg, kundtut und im Bild der Kirche farblich und malerisch umspielt.
Offen bleiben muss, ob Gerd Kehrer diese Titel vor dem Malakt reflektiert. Deutlich wird jedoch, dass er diese Titel nicht absichts- und kenntnislos setzt. Manche malerische Steigerungen in Form und Farbe lassen darauf schließen. Wie dem auch sei, der Künstler tritt hier nicht nur persönlich im Bild hervor, er ist auch ein Chronist dieser Kirchen für die Jahre der Entstehung seiner Zyklen. Dass hierbei dann doch auch das Kirchenbild der Gesellschaft ins Spiel der Formen und Farben kommt – wohl mit Begriffen wie Bersten, Fliegen, Tanzen, Schaukeln, Implodieren oder Explodieren usw. zu umschreiben – ist zu sehen und gibt Grund zu reflektieren. Dies geschieht hier ebenso, wie in Max Beckmanns Bild Synagoge im Städel, wo die Schieflage der Wände der Synagoge und ihres städtebaulichen Umfeldes die nahende Katastrophe versinnbildlicht und erahnen lässt. Dieses Moment der Haltlosigkeit und des Ab- und Umbruchs wird auch in den Kirchenzyklen Kehrers deutlich und bildlich fassbar. Freilich begegnet der Künstler diesem expressionistischen Zug seiner Bilder mit einer gestischen Haltung in seiner Malerei, die spontan die Farben und Formen setzt, sich dabei aber souverän einem Kunststil oder Ismus – so der Schublade Expressionismus oder den „Plakaten“ Abstraktion oder Realismus – entzieht. Wenn man die Arbeit des Künstlers dennoch benennen will, dann mit dem Etikett des Abstrakten-Realismus.
Wird Gerd Kehrer damit dem Grundthema der Zyklen gerecht, so kann man fragen? Er erfasst, so wird man sagen müssen, sein Grundthema die Kirche der Stadt mit voller gestalterischer und malerischer Wucht und legt dabei sein Thema interpretierend aus. Er nähert sich aber auch persönlich dem Thema, ohne dies allerdings zu privatisieren. Er betrachtet sein Thema immer unter den damit angesprochenen gesellschaftlichen Aspekten, ohne sie im Allgemeinen versanden zu lassen. So muss man die Bilder von Gerd Kehrer als präzise im malerischen Können und zeithistorischen Wissen benennen.
Gerd Kehrer ist zweifach für seine Kirchenzyklen zu danken. Sie machen darauf aufmerksam, wie sehr die Stadt aus solchem Bilderschaffen lebt und ihre Identität erhält. Gerade in Zeiten der steten Veränderung der Stadt, des Stadtgeschehens, der Menschen in der Stadt ist es wichtig, die Stadt in Bildern festzuhalten, die die Innenwelt der Außenwelt, die also im äußeren Eindruck auch das Innenleben offenbaren. Die Kälte der Stadt, ist auch begründet im kalten, häufig nur fotographischen Blick auf die Stadt. Es ist dem Künstler aber auch zu danken, dass er die Kirchen der Stadt in seinen Blick genommen hat und der Betrachterin und dem Betrachter mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst im Anblick einen Einblick in das Leben einiger protestantischer wie römisch-katholischer Kirchen und deren Bedeutung in der Stadt Frankfurt gibt. Dass dies jenseits von Auftragskunst geschieht und schließlich auch in einer Ungleichzeitigkeit von Kunst und Sujet, ist am Ende bemerkenswert.

Prof. Dr. August Heuser

Direktor Dommuseum Frankfurt und Diözesanmuseum Limburg
Katalogtext zur Ausstellung: Gerd Kehrer – Citykirchen, Diözesanmuseum Limburg, März 2008.

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